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Frühes Graffiti : Die heimlichen Bauherren von St. Nicolai

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die alte Handwerkertradition, Zeugnis mit seinem Namen zu hinterlassen, ist bis heute ungebrochen.

shz.de von
erstellt am 15.Apr.2017 | 06:11 Uhr

Eckernförde | Ein großes Hakenkreuz prangt an dem 2,50 Meter hohen Brett, das über dem Dachgebälk der St.-Nicolai-Kirche an der Turmwand befestigt ist. In großer schwarzer Schrift sind die Worte „Deutschland erwache“ zu lesen. Sie stammen vom Zimmerer W. Spies, der sich am 19. März 1930 mit dem Hakenkreuz und den Wörtern auf dem Brett verewigt hat, und von Erich Berner. K. Mumm hat 1930 „Heil Hitler“ geschrieben – frühe Sympathisanten des Nationalsozialismus.

Nicht nur das Innere von St. Nicolai hat Schätze vorzuweisen, auch das Dachgebälk der zunächst einschiffigen turmlosen romanischen Kirche aus dem 13. Jahrhundert, die sich im Laufe der Jahrhunderte in eine dreischiffige spätgotische Kirche mit einem Dachreiter verwandelte, legt Zeugnis von Geschichte ab – wenn auch anderer Art. „Alle Handwerker durch die Zeiten haben ihre Zeugnisse am Bau gelassen“, erklärt Dirk Homrighausen, einer der drei Pastoren von St. Nicolai. Aus der jüngsten Zeit stammt zum Beispiel die Signatur von Hans-Peter Hass, der am 18. Oktober 1971 auf St. Nicolai war. Da alle Dinge, die historisch nicht original sind, im Laufe der Sanierung entfernt werden, wird auch dieses Brett beseitigt. „Zwecks Dokumentation lagern wir es ein“, erklärt Homrighausen, der darauf hinwies, dass die Kirchengemeinde sich mit ihrem Verhalten im Nationalsozialismus auseinandergesetzt hat. Propst Heinrich Langlo, anfangs ein glühender Verehrer Hitlers, habe sich in einen entschiedenen Gegner verwandelt, der im Zeichen der Bekennenden Kirche in Eckernförde ein Predigerseminar für Vikare eingerichtet hat, so Pastor Homrighausen.

Auf dem Weg durch das riesige Dachgebälk von St. Nicolai geht es hoch zur ehemaligen Uhreneinhausung. Wie ein Auszug aus dem Telefonbuch lesen sich die Signaturen von Christian Schröder und Karl Rathje an der Holzwand des rechteckigen Verschlags. Mit Handwerkerbleistift haben die beiden Eckernförder sich in St. Nicolai verewigt: Schröder, geboren 4.2.1900, Pferdemarkt 42, war am 14. Juli 1917 in der Kirche tätig – ebenso sein Kollege Rathje, geboren 18. April 1899, wohnhaft in der Norderstraße. Beide haben sogar ihre Köpfe gezeichnet.

Wie ein Protokoll seiner Tätigkeit lesen sich die Einträge von Jürgen Prahm, der von 1961 bis 1971 für die Wartung des Schlagwerks der Uhr verantwortlich war. Auch in luftiger Höhe scheuten sich die Männer nicht, Zeugnis zu hinterlassen. So Rupert Lauchi, der sich am 23. September 2005 auf einem Eisenträger im Dachreiter verewigt hat.

Auch die Zimmerer, Dachdecker und Maurer, die heute auf St. Nicolai arbeiten, huldigen dieser alten Handwerkertradition. „So werden wir Teil dieses besonderen Bauwerks“, erklärt der Maurer Momme Rasch (28). Auch er hat bereits irgendwo in den Weiten des riesigen Dachgebälks der Kirche seinen Namen hinterlassen.

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