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Lehmann-Tage : Die Geschichte eines Deserteurs

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Wilhelm Lehmanns „Der Überläufer“ kommt im Donat-Verlag neu heraus

Der Eckernförder Dichter Wilhelm Lehmann desertierte im ersten Weltkrieg zweimal. Seine Erfahrungen schildert er in seinem Buch „Der Überläufer“ (1927). Da sich der Beginn des 1. Weltkriegs in diesem Jahr zum 100. Mal jährt, stand „Der Überläufer“ im Mittelpunkt der 10. Wilhelm-Lehmann-Tagung am vergangenen Wochenende.

Zu diesem Thema hielt bereits am Freitag Dr. Wolfgang Menzel aus Karlsruhe einen Vortrag über den einzigen Roman eines Deserteurs: „Wilhelm Lehmann und der Kriegsroman der 1920er Jahre“. Sein Buch wurde seinerzeit von den Verlagen abgelehnt und erst sehr viel später – 1962 – gedruckt. In den beiden Kapiteln „Krieg und Gefangenschaft“ erfährt man die Sichtweise eines Deserteurs, eines Menschen, der von Anfang an gegen den Krieg war. Während der Antikriegsroman „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque“(Gesamtauflage 17 Millionen) erlebtes Leben – ohne Verzerrung und Verzeichnung – spiegelt, dem unbekannten Soldaten ein Denkmal setzt, „von allen Kriegstoten geschrieben“ (Menzel), ist Lehmanns Werk der erste Roman eines Verweigerers mit Alleinstellungsmerkmal, eine „gelungene Episierung“; der Deserteur steht im Mittelpunkt.

Wie wäre es Lehmann ergangen, wäre sein Roman schon eher veröffentlicht worden – zu Zeiten, als es noch nichts Schlimmeres gab, als Fahnenflucht zu glorifizieren? Sicherheitshalber hat Lehmann sein Manuskript vorübergehend auch mit dem Titel „Der Überflüssige“ versteckt, führte Vorstandsmitglied und Literaturwissenschaftler Dr. Wolfgang Menzel in seinem Vortrag aus. Menzel selbst gehört der deutschen Friedensgesellschaft an und war zwölf Jahre im Bundesvorstand.

In weiteren Tagungsbeiträgen von Dr. Wolfgang Menzel und Prof. Dr. Uwe Pörksen wurde ein Vergleich gezogen zwischen den kriegsverherrlichenden Texten eines Ernst Jünger („Stahlgewitter“) und Lehmanns „Überläufer“. Jüngers Buch schwimmt auf der großen Woge von Kriegsbüchern, die lange sehr gefragt waren. Zwischen 1918 und 1928 soll es allein über 100 Romane über den 1. Weltkrieg gegeben haben, zwischen 1928 und 1933 über 200 Titel mit kriegsverherrlichendem Inhalt, „subjektive Verklärungen, Offiziersmemoiren als Rechtfertigungsliteratur“. Beim kriegsfreiwilligen Jünger schlägt die Begeisterung hoch: Im Überwinden der Angst, im Gemeinschaftserlebnis, in der Erfahrung der Gleichheit sieht er Sinn – er identifiziert sich mit dem Krieg und findet Worte wie „der Tod als roter Ritter, die geschmeidigen Tiger der Gräben …“.

Bei Wilhelm Lehmann trägt eine Figur, genannt Nuch, die Handlung. Sie versucht, den Krieg zu überwinden. Nuch verweigert Kameradschaft und Brüderlichkeit, er ist ein Versager, weil er sich versagt. Humorlos, absolut nüchtern, extrem abgewandt, verlässt er die Sinnlosigkeit des Krieges in aller Radikalität. Mit der Mobilmachung war „aus der Nacht das Gespenst an den Tag getreten“, und er verweigerte sich dem folgenden Albtraum.

Zum 10. Jubiläum der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft und im Gedenken an den 1. Weltkrieg wurden zwei Kapitel aus dem „Überläufer“ genommen und als neues Buch gedruckt. „Krieg“ und „Gefangenschaft“, erschienen im Donat Verlag, mit einem Gleitwort von Günter Kunert.

>Wilhelm Lehmann: Der Überläufer, ISBN 978-3-943425-42-0. Die Literaturgesellschaft dankt allen Sponsoren, Förderern und freut sich auf neue Mitglieder


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erstellt am 11.Mai.2014 | 13:07 Uhr

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