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Interview : „Die Fischerei hat eine Zukunft“

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Vorgaben für die schleswig-holsteinischen Fischer werden in erster Linie von der EU bestimmt. Im Interview äußern sich Fischermeister Lorenz Marckwardt und Europaabgeordnete Ulrike Rodust zur EU-Fischereipolitik.

shz.de von
erstellt am 04.Apr.2015 | 06:56 Uhr

Eckernförde | Fangquoten, Rückwurfverbote und Fangtage sollen der nachhaltigen Fischerei dienen und machen Fischern zu schaffen. Ein Interview mit Lorenz Marckwardt, Eckernförder Fischermeister und Vorsitzendem des Landesfischereiverbandes Schleswig-Holstein, und Ulrike Rodust (SPD), Mitglied im Ausschuss für Fischerei des EU-Parlaments.

Können Verbraucher noch guten Gewissens Fisch aus der Ostsee essen?
Rodust: Ja, es gibt reichlich Fisch aus nachhaltig bewirtschafteten Beständen, den Verbraucher mit bestem Gewissen essen können. Die Ostsee ist inzwischen ein Positivbeispiel in Europa. Bei der Festsetzung der aktuellen Fangquoten hat die EU-Kommission deshalb eine zwölf Prozent größere Gesamtfangmenge vorgeschlagen. Dadurch haben sich viele Heringsbestände gut entwickelt. Für Dorsch, Sprotte und zwei Lachsbestände hingegen hat die Kommission eine Senkung vorschlagen müssen. Beim Dorsch hoffen die Fischer aber auf starke Nachwuchsjahrgänge.


Umweltorganisationen raten dennoch vom Verzehr bestimmter Ostseefischarten ab – darunter Dorsch und Hering. Was halten Sie davon?
Marckwardt: Vor vier Jahren haben Organisationen schon propagiert, dass der Ostseedorsch ausgestorben ist und empfohlen, Ostseedorsch aus Supermärkten und Gastronomie zu verbannen. In Schweden wurde das auch gemacht. Ein Jahr später hat der Internationale Rat für Meeresforschung (ICES) festgestellt, dass die Bestände falsch berechnet wurden und deutlich mehr Dorsch in der Ostsee ist als angenommen. Auch die Wissenschaft irrt mitunter. Grundsätzliche Verzehrsverbote auszusprechen, ist Alarmmacherei. Dadurch werden die Verbraucher nur verunsichert.

Rodust: Es ist sinnvoll, sich zu überlegen, welchen Fisch man isst. Die „Fischampeln“ sind da eine Orientierung, wo beispielsweise keine MSC-Zertifizierung vorliegt – wie etwa beim Ostseehering. Allerdings wird es dann auch kompliziert, weil man sich die Arbeit machen muss, genau zu schauen, woher der Fisch stammt: Beim Ostseehering steht die Ampel auf grün für Fänge aus der zentralen und westlichen Ostsee, aber nur auf gelb für die nördliche Ostsee.


Regulatorische Maßnahmen wie Fang- und Rückwurfverbote sowie Fangtage sollen der Überfischung bedrohter Ostseefischarten entgegenwirken. Ist das der richtige Weg?
Marckwardt: Jein. Fangquoten sind in Ordnung, um eine nachhaltige Fischerei zu gewährleisten. Sie sind jedoch in Managementplänen verankert, die den Fischern gleichzeitig Fangtage, Schonzeiten Maschenweiten und Mindestmaße vorschreiben. Man sollte es den Fischern überlassen, wann sie die ihnen zugeteilte Menge fischen wollen. Wenn sie ihre Fangtage aufgebraucht haben – zurzeit sind es 147 Tage für Dorsch –, haben sie keine Möglichkeit, ihre Quote auszuschöpfen. So kann kein Fischer seine Familie ernähren.


Rodust: Bisher wurde den Ostseefischern nur eine bestimmte Anzahl an Fangtagen zugebilligt. Wem es nicht gelang, innerhalb dieser Tage seine Quote zu fischen, der hatte schlicht Pech. Gerade für Fischer mit kleinen und mittelgroßen Kuttern war das oft ein existenzbedrohendes Problem. Aber genau diese Fischer wollen wir mit der neuen Fischereipolitik stärken. Es ist deshalb gut, dass diese Fangtage-Regelung wegfallen wird: Mit dem Mehrjahresplan zur Befischung von Dorsch, Hering und Sprotte wird endlich die von den Fischern lange kritisierte Fangaufwandsregelung aufgehoben. Mit Fangquoten sicherzustellen, dass dem Meer nicht mehr Fisch entnommen wird, als nachwachsen kann, bleibt hingegen nötig und ist auch im Sinne der Fischer, um ein Anwachsen der Bestände auf ein nachhaltiges Niveau zu erreichen. Das Rückwurfverbot wird dauerhaft die Bestände schonen und dazu führen, dass gezielter gefischt wird.


Für Fischer bedeuten diese Maßnahmen unterm Strich einen geringeren Fang. Heiligt der Zweck die Mittel?
Rodust: Letztlich ist das Ziel die Erholung der Fischbestände, vor allem auch, um das Einkommen der Ostseefischer zu sichern. Außerdem ist die Fanggröße allein für Fischer nicht entscheidend, sondern welchen Preis die Fänge erzielen können. Ich bin der Überzeugung, dass es den Fischern doppelt nützt, wenn wir mit unserer Reform erfolgreich sind. Weil es in ihrem Sinne ist, eine zukunftsfähige Fischerei zu haben – und weil Fisch aus nachhaltiger Fischerei eine größere Wertigkeit hat, die sich hoffentlich auch im Preis niederschlägt.


Marckwardt: Der Trend der Flotte weist schon seit Jahren nach unten. Immer mehr Betriebe geben auf, weil sie mit den Auflagen nicht zurechtkommen. Das führt zum Sterben der Häfen. Während große Fischereibetriebe konkurrenzfähig bleiben, können kleinere Betriebe dem Druck nicht standhalten. Das ist traurig, weil gewachsene Familienbetriebe dann bald nicht mehr zu finden sein werden. Heute haben Fischer zwar immer noch eine Perspektive, sie müssen aber ihre Ressourcen nutzen und ihre Quote konsequent abfischen. Grundsätzlich können sie aber überleben: Die Fischerei hat eine Zukunft.


Welche Bedeutung haben diese Maßnahmen für den Verbraucher?
Rodust: All diese Maßnahmen sind kein Selbstzweck. Sie dienen der langfristigen Sicherung der Ressource Fisch, die eine immens wichtige Rolle bei der Versorgung der Menschen mit hochwertigen Nahrungsmitteln spielt und dem Erhalt einer zukunftsfähigen heimischen Fischerei.


Führen die Maßnahmen dazu, dass weniger heimischer Fisch in deutschen Supermärkten zu finden ist?
Rodust: Nein. Ein großes Problem des Ostseefisches ist die fehlende Zertifizierung. Viele Supermärkte listen nur noch MSC-zertifizierten Fisch. Deshalb ist es auch so wichtig, dass der Zertifizierungsprozess für den Ostseehering schnell abgeschlossen werden kann.

Marckwardt: Ja, würden die Quoten drastisch gesenkt, müsste der heimische Markt mit Rohwaren aus anderen Ländern eingedeckt werden. In Deutschland werden jährlich rund 1,3 Millionen Tonnen Fisch verzehrt, die deutsche Fischereiflotte erwirtschaftet jährlich aber nur etwa 280  000 Tonnen. Dadurch muss unser Markt mit Fisch aus Drittländern wie Norwegen oder Dänemark bestückt werden. Norwegische Fischer werden vom Staat 1:1 bezuschusst. So können sie zu günstigeren Preisen und in größeren Mengen Fisch auf den europäische Markt einführen. Das hat einen gewaltigen Einfluss auf den Preis. Ihr Fisch ist hier billiger und wird stärker nachgefragt. Letztendlich bestimmen die Verbraucher den Preis.


Wie kann die EU eine nachhaltige Fischerei gewährleisten, ohne dass Nachteile für die Fischer entstehen?
Marckwardt: Es muss für alle Fischarten einen Managementplan geben. Das ist bisher nicht der Fall. Fangquoten werden zurzeit Jahr für Jahr festgelegt, wir brauchen aber feste Fangquoten für mehrere Jahre, um den Fischern Planungssicherheit zu geben. Beim Rückwurfverbot ist es schon komplizierter. Was bisher gängige Praxis war, ist laut EU nicht mehr erlaubt – lebende Fische dürfen nicht mehr ins Wasser zurückgesetzt werden. Damit ist jedoch eine nachhaltige Fischerei nicht gesichert. Bei Fischarten mit einer sehr großen Überlebenschance wie Dorsch und Plattfisch sind die Rückwürfe sogar sinnvoll. Es ergibt keinen Sinn, Fische mit einer hohen Überlebenswahrscheinlichkeit anzulanden und zu Fischmehl zu verarbeiten, obwohl sie überleben und weiterwachsen und für Nachhaltigkeit sorgen könnten. Die EU und das Land bekräftigen ja, sie wollen die traditionelle handwerkliche Küstenfischerei erhalten und stärken, hier muss aber von beiden – wie man so schön sagt – noch Butter bei die Fische gegeben werden.

 

Rodust: Eine nachhaltige Fischerei kann gewährleistet werden, indem wir die Fischer beispielsweise bei der Umstellung, die das Rückwurfverbot mit sich bringt, unterstützen – auch finanziell. Im Idealfall so, dass besseres Fanggerät nicht erwünschten Arten oder untermaßigen Fischen eine Flucht aus den Netzen ermöglicht und sie gar nicht erst als Beifang an Bord landen. Oder so, dass wirklich garantiert ist, dass diese Fische den Fang überleben. Denn Fische, bei denen auch aus wissenschaftlicher Sicht ein Überleben des Fangprozesses gewährleistet ist, dürfen sehr wohl zurückgesetzt werden.

 


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