Die Behörde oder: Wenn der Amtsschimmel wiehert

Der Amtsschimmel: 'Das haben wir immer so gemacht.'  Foto: Witt
Der Amtsschimmel: "Das haben wir immer so gemacht." Foto: Witt

Eine Betrachtung über das Selbstverständnis von Amtsinhabern im Umgang mit den Bürgern

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26. Juli 2012, 03:59 Uhr

Eckernförde | Wut, Ärger, Ratlosigkeit - die ganze Partitur bürgerlicher Empörung kommt auf das Pult, wenn die Begründung behördlicher Entscheidungen unklar bleibt. Durchsichtigkeit ihres Tuns zählt nicht unbedingt zum gängigen Geschäftsmodell einer Behörde.

Wie kommt das?

Denkt der mündige Bürger an eine Behörde, sieht er womöglich jene wuchtigen und bisweilen von der Architektur eher vernachlässigten Gebäude vor sich, die er eher mit dem Begriff "Anstalt" als mit einer bürgernahen Einrichtung verbindet. Die den Gebäuden bisweilen innewohnende lebensunfrohe Eintönigkeit könnte möglicherweise die darin tätigen Menschen so prägen, dass Ähnlichkeiten entstehen wie die etwa zwischen Herr und Hund. Für einige entsprechend veranlagte Büromenschen stellt das Amt tatsächlich etwas Stützendes dar, wirkt wie ein unsichtbares Korsett: Es formt den eingeforderten Respekt, der sich selbstgefällig über den sogenannten "einfachen Bürger da draußen" erhebt.

Nett und hilflos oder humorlos und buchstabenverbissen achtet der eingeschränkte Behördenmensch beim Parcours über die Paragraphen ängstlich darauf, bloß keinen Buchstaben zu touchieren. Man verweigert lieber anstatt zu springen getreu der Entscheidungsmaxime: Das haben wir immer so gemacht. So wird Vergangenheit konserviert, mangelnde Fachkompetenz mit herablassendem Autoritätsgehabe kompensiert und Betulichkeit mit Gründlichkeit verwechselt, von bemäntelten Interessenkonflikten einmal abgesehen.

Da im Amtswesen alle Weisheit "von oben" kommt, verführt dieser Ansatz einige Amtsinhaber dazu, erst den Vorgesetzten zu fragen, wie der Vorgang zu bearbeiten sei, anstatt selber nachzudenken und zügig zu entscheiden. Das kostet Zeit. Der Bürger kann warten; muss er das?

Jeder Amtsinhaber, auf welcher Stufe der Hierarchie auch immer, ist zu gesetzesgetreuer Amtsausübung verpflichtet, aber bürokratische Betulichkeit und Entscheidungsschwäche jedoch sind Auswüchse einer nach vordergründiger juristischer Perfektion strebenden Verwaltung. Daher darf der Bürger sich nicht wundern, wenn die Amtssprache in der Regel gestelzt daher kommt und - wenn nicht gerade unverständlich - oft unklar bleibt. Unverständlichkeit dient als Ausweis vermeintlicher geistiger Überlegenheit. Dahinter verbirgt sich das Ansinnen, dass das, was unverständlich ist, auch richtig sein muss. Man darf jedoch das Gegenteil annehmen: Wer unverständlich schreibt, denkt nebelhaft. Die Versuche, Schreiben an den "Bürger" verständlich zu formulieren, sind zahlreich. Sie durchdringen kaum oder wenig das Dickicht der Gewohnheit. Ihre Ursachen gehen auf juristische Denkkategorien in Verwaltungen zurück, die in deren Sprachgepflogenheiten weiterleben. Man bleibt begrifflich und sprachlich "unter sich".

Derartige amtliche Schreiben nehmen den Bürger nicht ernst. Im überkommenen Selbstverständnis eines Amtes bleibt der Bürger daher Untertan. Er hat dem lautlosen Befehl zu gehorchen, sich zu bemühen, das dem amtlichen Schreiben innewohnende "höhere" Wissen zu begreifen. Wie ist der Hinweis in einer Telekommunikationsdienstleistungsvorschrift zu verstehen, das Dienstmerkmal sei aktiviert -… ? Ersteres türmt ein Silbengebirge von atemtreibender Höhe auf und bei letzterem verirrt man sich im Deutungsdickicht. Juristen lieben diese Sprache, weil sie meinen, einen Sachverhalt sprachlich ohnehin klar formulieren können wollen oder können müssen. Wäre es so, bedürfe es der Heerscharen von Advokaten nicht.

Doch die Behördenmaschinerie läuft, und dafür sorgen jene, die Gesetze ihrem Inhalt nach anwenden. Das erfordert Verantwortung. Dazu gehört Kompetenz. Darauf kommt es an. Das unterscheidet gestrige Platzhalter von gegenwartsnahen Entscheidungsträgern. Nur sie bringen als Dienstleister auch in bisweilen äußerlich vernachlässigten Amtsgebäuden dem Bürger den selbstverständlichen Respekt entgegen. Die vergangenheitsbezogenen Amtsträger hingegen werden erfreulicherweise wie auch zunehmend von selbstsicheren Bürgern zum Ritt über den Gesetztes-Parcours gezwungen.

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