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Eckernförder Zeitung

19. September 2017 | 19:14 Uhr

Festmusik : Die Auferstehung der alten Musik

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der St.-Nicolai-Chor und die Hamburger Ratsmusik haben 300 Jahre alte, lange Zeit in Vergessenheit geratene Musik vom Gottorfer Hof aufgeführt.

Vergessen, aber nicht verschollen: Auch zu Zeiten Johann Sebastian Bachs gab es höfisches Musikleben im hohen Norden. Prof. Konrad Küster von der Musikhochschule Freiburg hat etwa 300 Jahre alte Musik aus der Region Sønderjylland-Schleswig mit Schwerpunkt um den Gottorfer Hof erforscht und Werke aus den Archiven in heutige Notenschrift übertragen. In Zusammenarbeit mit dem Flensburger Kirchenmusikdirektor Michael Mages, dem Eckernförder St.-Nicolai-Chor, den Solisten Karin Gyllenhammar und Veronika Winter (Sopran), Beate Duddeck (Altus), Florian Lehmann (Tenor), Jacob Winter (Bass) und der Hamburger Ratsmusik wurde unter der Leitung von Kirchenmusikdirektorin Katja Kanowski der erste Teil einer Festmusik zum damaligen 20. Jahrestag des Augsburger Bekenntnisses zum Luthertum aufgeführt.

Ein Zeitsprung, etwa 300 Jahre in die Vergangenheit. Er zeigte deutlich, wie damals am Gottorfer Hof musiziert wurde. Musikgeschichtlich war diese Region bislang nur schwach im Bewusstsein. Die Festmusik „Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat. Lasset uns freuen und fröhlich sein“ von Andreas Friederich Ursinus (1699-1781), einem Zeitgenossen Johann Sebastian Bachs (1685-1750), wurde in zwei Teilen damals über einen ganzen Tag verteilt gespielt. Nicht so im St.-Nicolai-Kirchen-Konzert. Mit dem ersten Teil war der Tag von damals schon nach zwei Stunden durchlebt. Predigten wurden durch Musik wie das „Sanctus in C“ von Michael Österreich (1699- nach 1709), die Kantate „Ich liege und schlafe“ von Nicolaus Bruhns (1665-1697) und Georg Österreichs (1664-1735) Vertonung des 87. Psalms „Sie ist fest gegründet“ ersetzt.

Alte Musik im passenden Gebäude, Instrumente aus früheren Zeiten, ihre Spielweise und die Kantorei: Zutaten, wie sie besser nicht sein könnten für ein Orginalklang- und Musikerlebnis. Wobei der St.-Nicolai-Chor in der Ursinus-Kantate die Gemeinde von damals in Nummer 13 („Und was sich mehr von hohen Segen find, die heiligen Sakramente sind von Feind und Räubern frei“) mit dem Wechselgesang von Solisten und Chor, der von Michael Mages gespielten großen Orgel sowie der Hamburger Ratsmusik bestens charakterisierte. Die Ursinus-Kantate als Gotteslob und Ausdruck der Freude über überwundene Zeiten voller Sklaverei, Elend und Grausamkeit entstand anlässlich eines Freuden- und Dankesfestes mit dem Wunsch, „dass Segen und Wohlfahrt sich künftig verschreiben und unsere Nachwelt dies Glücke mit heutige ferneren Jubeln verherrlichen soll“. Sie bildete auch einen Rahmen um das herausragende Werk dieses Abends: Nikolaus Bruhns‘ Kantate „Ich liege und schlafe“ passte auch thematisch in den Ablauf. Sie bildete mit der frei und sanglich spielenden Hamburger Ratsmusik auch den Höhepunkt des Abends. Anders als es der Text ahnen ließ: „Ich liege und schlafe, ganz mit Frieden. Denn Du allein, Herr, hilfest mir, dass ich sicher wohne“ sang der Chor, dabei aufmerksam auf die Dirigentin achtend. Deutlich spürbar die Zuversicht aus Text und Musik. Der gelungene Ersatz für eine Predigt.

Streicher, Trompeten, Oboen, Flöten und große Orgelklänge mit Chor- und Solopassagen vermittelten mit unterschiedlichen Klangcharakteren ein Hörbild aus vergangenen Zeiten, nicht nur am Gottorfer Hof. Die Folge: Stehender Applaus für wieder entdeckte Klangwelten und Komponisten. Der Anfang ist gemacht, um den bis dato historisch unentdeckten Musik-Norden aus dem Dornröschenschlaf zu wecken. Die Reihe der Schleswig-Holsteinischen Festmusiken aus der Zeit der Gottorfer Hofmusik wird mit dem zweiten Teil fortgesetzt am 19. November, ebenfalls in St. Nicolai.



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