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Eckernförder Zeitung

21. August 2017 | 09:12 Uhr

Neue Musik : Die abweichende Weltwahrnehmung

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Drei Tage gab es beim Provinzlärm-Festival Neue Musik in St. Nicolai mit Ensembles aus ganz Deutschland. Eckernförde ist in den vergangenen Jahren zu einem „wichtigem Ort auf der Landkarte der Neuen Musik“ geworden.

Eckernförde | Fast familiär begann das 5. „Provinzlärm-Festival für Neue Musik“ am Freitag in der St.-Nicolai-Kirche. Bundesweit beachtet wird es durch die Übertragung des Deutschlandfunks. Ein Festival mit sechs Konzerten an drei Tagen und mit Klängen, die in gänzlich andere Welten und Gefühlsebenen führten. Hier wurden Hörerfahrungen wie sonst nie ermöglicht. Die Ideengeber und Macher waren vor Ort und beteiligten sich aktiv: Kirchenmusikdirektorin Katja Kanowski beim Eintrittskartenverkauf, in der Pause im Café und an der Orgel, Gerald Eckert organisatorisch und mitwirkend, sowohl als Dirigent, Komponist, Cellist, Moderator und mehr. Pastor Dirk Homringhausen ebenfalls beim Kartenverkauf und als Sprecher, der frühere Propst Knut Kammholz, als Sprecher und Moderator.

Er hielt die Eröffnungsansprache: „Drei Tage, sechs Konzerte, 17 Werke. Ein faszinierendes Programm. In den letzten zehn Jahren ist Eckernförde zu einem wichtigen Ort auf der Landkarte der ’Neuen Musik’ geworden, ein Anziehungspunkt für viele Menschen.“ Knut Kammholz zitierte Arnold Schönberg: „Musik soll nicht schmücken, sie soll wahr sein. Schmerz, Angst, Freude und Zuversicht ausdrücken. Die eigene Welt ist nicht die einzige, es gibt auch andere Welten. Wir freuen uns auf geballte und energetisch hoch geladene drei Tage. Wir sind gespannt, was in den nächsten Tagen und Jahren noch kommt.“

Er hatte nicht zu viel versprochen: In Natalia Solomonoffs „Raunächten“ für Sopran, Ensemble und Tonband werden die Saiten des Flügels von sanften Frauenhänden gestreichelt, mit Schlägeln angestoßen, Maria Boulgakova singt dazu Vocalisen, lang ausgehaltene „Ahs“ und „Ohs“, dazu hört man geheimnisvolle „Winde“ aus den Lautsprechern. Das Haus-Ensemble „reflexion K“ und Gäste unter der Leitung von Gerald Eckert bewies, dass man Neue Musik auch mit alten Instrumenten machen kann. Es kommt nur darauf an, wie sie benutzt werden. Man hört auf unbekannten Pfaden: Es reicht aus, die Klänge einfach in sich hineinfließen zu lassen und eine Gedankenreise ins eigene Innere zuzulassen.

Uraufgeführt wurde Gerald Eckerts „Sopra di noi... (niente)“. 2014 entstanden, erinnert es mit Echos an weit entfernte Ereignisse, das ferne Donnergrollen eines Gewitters. Heftige Knaller/Naheinschläge auf die große Trommel oder lange, laute und schrille Sequenzen erschrecken zwischendrin. Mystische Wirkungen sind dabei, man hört unweigerlich in sich hinein. Jeder Ton wirkt wie ein Schatz mit tiefster Bedeutung. Erinnerungen an gehörte Vergangenheit wurden wach. Das ist Musik, die man nicht verstehen muss, sondern unvoreingenommen und ohne Erwartungen mit großer Gelassenheit in sich hineinfließen lassen sollte. Ein Werk, das nicht im üblichen Sinn belebt oder beschwingt, sondern befreit.

Konzert 3 am zweiten Festival-Tag war Solisten gewidmet. Wegen der Aufzeichnung des Deutschlandfunks fand es in einem Wald schwarzer Mikrofonständer statt. Aufgeführt wurden Werke, die zwischen 1971 bis 2013 entstanden sind: „dense/Echo I“ für ensemble von Robert HP Platz: Beginn mit leisem Cello aus dem Nichts, weitere Klänge kamen von den im Kirchenraum verteilten Instrumenten. Gerald Eckert dirigierte mittig vom Taufbecken aus. Feinste Obertonschwingungen verbreiteten ein Gefühl der Ruhe und verführten zum Lauschen bei meditativen Klängen kurz vor der Stille.

Beeindruckend Luciano Berios „Lied“, drei Minuten feinster „Gesang“ der Klarinette mit Joachim Striepens. In „Atem-los“ für Akkordeon und Posaune hechelten Felix Kroll und Matthias Jann durch Steffen Schleiermachers Stück, zeigten mit ihren Instrumenten, wie „man“ verschnauft. Wunderbarer Zufall: Der auf die Sekunde genau passende Schluss zum Beginn des 18-Uhr-Glockengeläuts.

Wie ein heftiger Streit-Dialog auf einem Instrument (Viola), wirkte „Ganimede“ von Fausto Romitelli. Christiane Veltmann brachte dieses Kunststück, in dem sich weite Strecken an der Grenze des Hörbaren bewegen. Alles ist, so das Programmheft, „höchst komplex notiert und bis ins kleinste Detail festgelegt“ und erklang so, als wäre es gerade in dem Moment entstanden. Auch ein Beweis für das überragende Können und Identifikation der engagierten Künstler, die damit ein größeres Publikum auf musikalisches Neuland führten. Klarinette und Cello (Gerald Eckert), heftig aufschreiend zu Beginn, dazu schrille Klarinettentöne von Joachiem Striepens schreckten zunächst auf, klangen leise aus, um dann wieder laut zu „stören“. Ein großer Kampf, den Iannis Xenakis komponiert hatte.

Einen Kampf nahm Georg Katzer 1892 gegen die DDR-Regierung nicht auf: „Von d nach d“ für Flöte solo (Beatrix Wagner) nannte er sein Stück. Am liebsten hätte er den Titel groß geschrieben. „Es ging ja so mancher von D nach D.“ Wer hätte je gedacht, dass in acht Minuten Flötentönen mit Flatterzunge, Mitsing- und Mitspielstimme sowie teils überblasenen Tönen so viel politische Sprengkraft vermutet wurde?

Die im 4. Konzert aufgeführte „Missa L’homme armé“ von Guillaume Dufay (ca. 1394 -1474), machte die große Spannweite Neuer Musik von weit über 500 Jahren bewusst. Das war damals „Neue Musik“, wird heute auf Grund des Alters als „normal“ eingestuft. Das „Lob auf einen bewaffneten Mann“ steckt voll mit klanglichen und harmonischen Finessen, die sowohl das wonnige Gefühl für Klangschönheit als auch die Bewunderung für die kompositorische Raffinesse direkt ansprechen. Ein komplexes Werk, das volle Aufmerksamkeit von Sängern und Zuhörern erfordert – und noch mehr die Kunst der vier Stimmen des Ensembles „Auditivvokal Dresden“: 40 Minuten High-Class-Musik, die laut Gerald Eckert zugleich „der Beweis dafür sind, dass Neue Musik keine Insel ist, die wurzellos durch die Gegend schwimmt!“

Den Beweis lieferte das um acht Stimmen, mit Beatrix Wagner (Bassflöte) und Roland Breitenfelds live-Elektronik erweiterte Ensemble mit Luigi Nonos 1980/81 entstandene „Das atmende Klarsein“: Ein Titel, der kaum etwas von einer klanglich begleiteten Zeitreise zu sich selbst ahnen lässt und der mit seiner Folge von verhalten zu singenden Chorpassagen und den flüsternd verzagten, teils auch aufbrausenden Ausbrüchen der Bassflöte die St.-Nicolai-Kirche in einen Ort „abweichender Weltwahrnehmung“ verwandelte. Etwa 100 Zuhörer genossen die besondere Qualität eines Werks, das bei weitem nicht so herausforderte wie die vorangegangene Dufay-Messe. Ein ganz besonderes Ereignis, nicht nur in, sondern auch für Eckernförde. Stehender Applaus löste die Spannung. „Tja, mal was anderes!“ – eine Zuhörerin brachte die Hör-Reise dieses Abends in neue Klangwelten auf den Punkt.

 


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