Die absonderlichen Ideen eines sparsamen Amtsvorstehers

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12. März 2018, 14:47 Uhr

Wir schrieben das Jahr 1959. Ich hatte gerade erfolgreich meine Zollinspektorprüfung hinter mir und wurde „zur Belohnung“ an das Abfertigungszollamt Harrislee versetzt. Hinter vorgehaltener Hand sprachen mir die „lieben Kollegen“ ihr Beileid dazu aus, denn das Amt stand aufgrund des derzeitigen Amtsvorstehers in keinem guten Ruf. Zwar war seine Pensionierung absehbar, doch diese Zeit nutzte er auf seine Weise voll aus. Als ehemaliger „Preußischer Reitersoldat“ fühlte er sich der Sparsamkeit verpflichtet.

Bei dem ersten Rundgang mit ihm fiel mir auf, das die Dienstflagge an der Grenze gerade noch 15 Zentimeter kurz war. Der Wind hatte sie zerfetzt. Meinen Hinweis darauf wies er barsch mit den Worten ab: „Die Farben der Bundesrepublik sind noch gut zu erkennen!“

Mein Abfertigungsdienst begann mit einem Kampf um einen wackeligen Stuhl. Es fehlten nämlich überall Sitzgelegenheiten, so dass einige Beamte sogar stehend arbeiten mussten. Die Beamten, die in den Zollhäusern an der Grenze wohnten, hatten sich deshalb bereits Stühle von daheim mitgebracht. Unsere Schreibtische trugen - bei näherer Betrachtung - noch den Reichsadler im eingebrannten Dienstsiegel. Das übrige Mobiliar passte auch in ein Zollmuseum. Als wir einen weiteren Schreibtisch benötigten, weigerte sich der Chef, diesen zu bestellen. Stattdessen ließ er einen breiten Wangenschreibtisch längs mittig durchsägen. Auf diese Weise kann ein Schreibtisch zum Luxusobjekt werden. Auch, wenn alle Schubladen fehlten.

Anfang der Sechziger Jahre kauften täglich viele Grenzgänger die billige Butter, Käse und andere Lebensmittel in Dänemark ein. Zoll und Steuer waren dafür pauschal zu entrichten. Der höher besteuerte Kaffee und Tee wurden gerne geschmuggelt. Deshalb standen sie oft in langen Reihen vor unserm Zollamtsgebäude. Vor dem Hauseingang diente ein großes Eisenrost über einer Grube als Fußabtreter. Durch die ständige Überbelastung brach es eines Tages entzwei. Eigenhändig füllte unser Chef das entstandene Vakuum mit Kies auf. Die Folge war, dass der von tausend Füßen eingeschleppte Sand und die Nässe den Holzfußboden vor den Abfertigungstischen zerstörte. Auch das brachte unseren einfallsreichen Chef nicht aus der Ruhe. Er nagelte einfach ein Holzbrett über das entstandene Loch in der Diele. Toll! Schon der zweite Reisende stolperte über die Brettkante und fiel der Länge nach hin. Zum Glück blieb er unverletzt. „Großzügig“ behob der Chef auch diesen Mangel eigenhändig. Er hobelte die Brettenden schräg ab. Ja, einfallsreich war er schon, wenn es darum ging, Geld für die Verwaltung zu sparen.

Ein weiteres „Husarenstück“ war, dass er eines Tages einen Stapel bereits benutzter Briefumschläge verteilte. Er ordnete an, dass wir in Leerlaufzeiten diese zur Wiederbenutzung umkehren sollten – zum Glück hatten wir keine Leerlaufzeiten.

Einmal war er tatsächlich für ein paar Tage in Urlaub. Wie es der Zufall wollte, ging eine Fensterscheibe entzwei. Ich besah mir den Schaden und entdeckte, dass sechs weitere Scheiben bereits einen Sprung hatten. Selbstverständlich ließ ich alle Scheiben ersetzen und bestellte beim Hauptzollamt gleich zwei neue Flaggen mit. Nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub hat er nach alter Feldwebelmanier getobt. Ein Grund, dass die Beamten nicht rebellierten, lag wohl darin, dass sie ihre Dienstzeit beim Militär absolviert hatten. Gehorsam, gepaart mit Sparsamkeit, war oberstes Gebot.

Alle waren froh, als der „Alte“ endlich in Pension ging. Nur der nachfolgende Chef nicht, denn der musste dem Hauptzollamtsvorsteher erst einmal erklären, warum bei einem Zollamt seines Bezirks das gesamte Mobiliar und etliches mehr erneuert werden sollte. So eine Runderneuerung war ihm in seiner Laufbahn noch nicht vorgekommen. Bei einem persönlichen Besuch verschlug es ihm sozusagen die Amtssprache.

Jedenfalls wurde nichts von der Bestellung gestrichen.

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