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Ein besonderer Referendar : „Deutschland hat mir sehr viel gegeben“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Rechtsreferendar im Amt Dänischer Wohld gibt ein leuchtendes Beispiel für gelungene Integration

von
erstellt am 22.Okt.2014 | 06:00 Uhr

Wenn Nikoloz Alikhanashvili Bilder von Flüchtlingsströmen in den Nachrichten sieht, dann werden Erinnerungen in ihm wach. Mit 19 Jahren musste er seine Heimat Georgien verlassen, ließ Angehörige und Freunde zurück – und den Grundstein der Zukunft, den er sich mit Beginn des Jura-Studiums in Tiflis gelegt hatte. In Mönkeberg fing er noch einmal von vorn an, hat Zeit, Geduld und Fleiß investiert, um seinen Berufswunsch verwirklichen zu können. Und es hat sich gelohnt: Nachdem der 32-Jährige das Erste Juristische Staatsexamen mit sagenhaften 11,3 Punkten bestanden hat, steckt er nun mitten im Referendariat in der Amtsverwaltung in Gettorf.

Amtsdirektor Matthias Meins zeigt sich froh, dass die Plätze für Rechtsreferendare bei der Stadt Kiel alle schon vergeben waren und er Alikhanashvili vor anderen Verwaltungen im Kieler Umland eine Zusage gegeben hat. Nicht nur, weil der Abschluss des Ersten Staatsexamens ein „hervorragendes Prädikat“ bedeutet – Alikhanashvili gehört zu fünf Prozent der Besten seines Jahrgangs, sondern weil der junge Jurist Unterstützung und Belebung für die Kollegen der Verwaltung bedeute und zugleich ein leuchtendes Beispiel für gelungene Integration sei. Alikhanashvili scheint es unangenehm, das der Amtsdirektor so viel lobende Worte über ihn ausschüttet. „Deutschland hat mir sehr viel gegeben. Ich habe Chancen genutzt und was draus gemacht“, sagt der Mönkeberger.

Dass das, was so einfach klingt, alles andere als leicht war, hat er nicht vergessen. 2001 folgte er zusammen mit seiner Schwester seinen Eltern, die 1999 nach Deutschland geflohen waren. Sein Vater gehörte der Minderheit der Osseten an, nach dem Bürgerkrieg 1993/94 blieb ihm schließlich nur, seiner Heimat den Rücken zu kehren. Als junger Mensch habe er nicht verstanden, warum er aus seinen Wurzeln gerissen wurde, sagt Alikhanashvili und räumt ein, dass es schwer ist, diese Zeit zu beschreiben. Über Russland und die baltischen Staaten gelangte er mit seiner Schwester nach Lübeck, wo sie nur drei Wochen eine Gemeinschaftsunterkunft mit anderen Flüchtlingen teilten – dann durften sie zu ihren Eltern, die in Mönkeberg eine Wohnung zugewiesen bekommen hatten. Andere hätten dort wesentlich länger ausharren müssen, ist sich Alikhanashvili bewusst.

Er sprach gut Englisch und dachte, er könne sein Jura-Studium in Kiel gleich fortsetzen. Doch die Realität brachte ihn auf den Boden der Tatsachen: „Um hier zu studieren, musst du Deutsch können, und das ist auch gut so“, weiß der Rechtsreferendar heute. Er hätte gern die Schule besucht, doch mit 19 Jahren war er dafür zu alt, selbst seine zwei Jahre jüngere Schwester konnte diesen Weg nicht einschlagen. „Ich habe mich dann um einen Deutsch-Kursus bei der Volkshochschule bemüht“, erzählt Alikhanashvili. Nach neun Monaten legte er die zentrale Mittelstufenprüfung ab, die zur Aufnahme eines Studiums berechtigte. Doch bis es soweit war, gingen noch gut drei Jahre ins Land. „In der Zeit habe ich viel gearbeitet, alles, was ich konnte, hauptsächlich im gastronomischen Bereich“, berichtet er weiter. Der Nachweis, dass er seinen Lebensunterhalt selbst sichern kann, war neben den Sprachkenntnissen schließlich der Schlüssel zu einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis, die nach einem Erlass des damaligen Innenministers auf Antrag erteilt wurde. Die hat auch seine Schwester, inzwischen ausgebildete Restaurantfachfrau, bekommen. Seine Mutter und sein 13 Jahre alter Bruder, der in Deutschland zur Welt kam, aber die Staatsbürgerschaft Georgiens hat, leben noch immer mit einem befristeten Aufenthaltstitel. Sein Vater ist verstorben.

Im Herbst 2005 konnte Alikhanashvili endlich da anknüpfen, wo er 2001 aufhören musste – er nahm das Jura-Studium in Kiel auf und war unter allen Erstsemestern einer von dreien, die ihr Abitur im Ausland abgelegt hatten. 2013 trat er zum Ersten Staatsexamen an, nachdem er den Termin drei Mal verschoben hatte. „Ich wollte auf Nummer sicher gehen, dass ich mit einem guten Prädikat abschließe“, sagt Alikhanashvili und lacht. Das ist ihm gelungen. Wenn er 2016 auch das zweite Examen gemeistert hat, könnte er mit georgischer Staatsangehörigkeit als Anwalt arbeiten. Will er als Staatsanwalt oder Richter tätig werden, muss er die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen. Seinen georgischen Pass abzugeben, fällt ihm nicht schwer. „Eine Formalität“, meint Alikhanashvili nüchtern, der nach Georgien kaum noch Kontakte hat.

Bis Ende Januar wird er sich noch bei der Amtsverwaltung Dänischer Wohld einbringen, dann kommt die nächste Station. Für wen er später das Recht vertreten möchte, hält er sich noch offen. „Wenn er im Zweiten Staatsexamen mindestens neun Punkte kriegt, kann er sich einen Job aussuchen“, sagt Meins.

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