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Green Screen : Deutliche Worte und brillante Bilder

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Schelte für Landespolitiker, Warnung vor globaler Erderwärmung und Eisschmelze, außergewöhnliche Aufnahmen aus US-Nationalparks – es war eine prickelnde Eröffnung. 18 Preise werden verliehen.

Eckernförde | Es hat sich viel Frust und Enttäuschung angestaut bei den Festivalmachern. Das Land lässt das Internationale Naturfilmfestival links liegen und hat bislang eine jährliche finanzielle Unterstützung versagt (siehe auch Kulturseite). Da es sich um ein (Natur-)Filmfestival handelt, hat Leiter Gerald Grote einen Kameramann auf einige verantwortliche Minister und Landtagsabgeordnete angesetzt und ihnen diese Frage gestellt: „Welche Bedeutung hat Green Screen für Schleswig-Holstein?“ Die zusammengeschnittenen Antworten präsentierte Grote am Donnerstagabend als Einspieler gleich zu Beginn der Eröffnungsveranstaltung in der Stadthalle. Die Antworten von Torsten Albig (Ministerpräsident, SPD), Britta Ernst (Ministerin für Schule und Berufsbildung, SPD), Anke Spoorendonk (Ministerin für Justiz, Kultur und Europa, SSW), Wolfgang Kubicki (FDP), Heiner Garg (FDP), Peter Sönnichsen (CDU), Wolfgang Dudda (Piraten) und Ralf Stegner (SPD) ließen die Zuschauer erstaunt bis kopfschüttelnd zurück. „Was für’n Ding?“ fragte beispielsweise Heiner Garg nach, und selbst Wolfgang Kubicki, der in Strande wohnt, meinte nur: „Ich habe darüber gelesen, genau, ja aber ...“ „Ein neues Filmfestival?“ fragte Ministerin Spoorendonk nach, um sich dann aber doch an ihren eigenen Auftritt bei Green Screen zu erinnern. Und Ministerpräsident Torsten Albig meinte: „Wir haben im Moment nicht viele Mittel, um es zu unterstützen. Es ist wichtig, es in der Gesellschaft zu tragen. Eckernförde muss seine Beiträge leisten, und den Rest kriegen wir schon hin.“ Festivalleiter Gerald Grote kommentierte die Auftritte in der ihm eigenen Art: „Green Screen ist, wenn sich alles bewegt, nur die Politik nicht“ – die mit über 500 Gästen prall gefüllte Stadthalle stand Kopf.

Nach dieser Spitze wurde es vorübergehend unpolitischer. Grote unterhielt das Publikum mit witzigen Kindermund-Zitaten (Ein Fünfjähriger bekennt stolz: „Ich kann schon schreiben!“ „Was denn?“ „Weiß ich nicht, ich kann noch nicht lesen!“) und steuerte eine amüsante Episode in Person des verkappten „Ghost-Directors“ Tim Schröder vom roten Teppich der Berlinale bei.

Bürgermeister Jörg Sibbel nahm die Vorlage des Polit-Einspielers in seinem Grußwort auf (siehe unsere gestrige Ausgabe), zeigte vollstes Verständnis für den bewussten Verzicht auf einen Eröffnungsredner aus der Landespolitik und sicherte dem Festival weiterhin die finanzielle Unterstützung durch die Stadt zu.

Als Eröffnungsredner hat Green Screen in diesem Jahr Klimaforscher Prof. Dr. Mojib Latif gewonnen. Der bekannte Leiter des Forschungsbereichs Ozeanzirkulation und Klimadynamik und der Forschungseinheit Maritime Meteorologie am Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel (Geomar) bezog in seine sehr anschaulich beschriebenen wissenschaftlichen Ausführungen über die Erderwärmung, die Eisschmelze und den daraus resultierenden Anstieg der Meeresspiegel die aktuellen Flüchtlingsströme und die Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus ein. Wie bei der weltweiten Flüchtlingswelle dürfe man auch beim Klimaschutz die Geschehnisse an anderen Orten der Welt nicht einfach ignorieren. „Das betrifft uns alle, wir dürfen nicht nur auf uns selber blicken“, sagte Mojib Latif. Und der Papst habe sehr deutlich gemacht, dass es eine enge Beziehung zwischen der Armut und der Anfälligkeit des Planeten gebe, „weil einige Wenige ihren Profit zu Lasten der übrigen Menschen machen“. Latif betonte, dass Umweltprobleme immer auch mit sozialen Problem einhergingen und „nie isoliert zu lösen sind“. Der enorme Unterschied zwischen Arm und Reich müsse ausgeglichen werden. Verursacher des Klimawandels mit Temperatur- und Meeresspiegelanstieg seien die Industrieländer mit ihrem Ressourcenverbrauch und rasant gestiegenem CO2-Ausstoß.Hier gelte es anzusetzen. Geht die Entwicklung ungebremst weiter, droht Ende des Jahrhunderts ein Temperaturanstieg von 6 bis 8 Grad und ein weltweiter Meeresspiegelanstieg um etwa einen Meter. Von 1900 bis heute sei der Meeresspiegel um 20 Zentimeter gestiegen. Inzwischen habe die Eisschmelze – die Meereisflächen seien seit 1979 um 30 Prozent abgeschmolzen – einen größeren Anteil am Meeresspiegelanstieg als die Erderwärmung. „Es ist noch nicht zu spät, wir müssen es nur wollen“, sagte Latif. Nach der Weltklimakonferenz in Kopenhagen, die der Klimaforscher wegen des ergebnislosen Ausgangs als „Floppenhagen“ bezeichnete, müsse bei der 21. Weltklimakonferenz in Paris ein Abkommen zur Begrenzung des rasant gestiegenen Treibhausausstoßes (plus 61 Prozent seit 1990) verabschiedet werden. „Wir können die Kurve noch bekommen, um unter 2 Grad Erderwärmung zu kommen“, so Latif. Der Klimaschutz sei ohne Alternative, Kostenargumente zählen für Latif daher nicht: „Die Welt kann doch keinen Preis haben.“ Jeder könne durch sein Verhalten zum Klimaschutz beitragen. „Die Vorbildfunktion zählt – es ist nicht egal, was jeder Einzelne tut.“

Eine gute Wahl war auch der Film zur Eröffnung: „Amerikas Naturwunder – Das Abenteuer“ von Heiko De Groot. Sein „Making Of“ zu der achtteiligen NDR-Produktion über die Nationalparks in den USA vermittelt anrührende Einblicke in den Arbeitsalltag der Naturfilmer und zeigt nebenbei prächtige Tieraufnahmen von Alligatoren, Bisons, Grizzlys, Walen oder Rotluchsen. Beeindruckend, wie locker die Tierfilmer mit den durchaus vorhandenen Gefahren umgingen, um zum Beispiel den großen Panzerechsen möglichst nahe zu kommen. Eine Orca-Jagd auf eine Grauwalkuh mit Kalb wurde auch für den Tierfilmer und seine erst zweieinhalbjährige Tochter im Schlauchboot gefährlich, ging aber glücklich aus – auch für die Grauwalkuh, die allerdings ihr Kalb an die Räuber verlor. Ein verlassenes Bisonkalb wurde von einem Wolf angefallen, blieb standhaft und wurde im letzten Moment von seiner Mutter gerettet – eindrucksvolle Szenen, die unter die Haut gingen. Stürmischer Beifall des Publikums. Den gab es danach auch für die Naturfilmer, die Moderator Michael van Bürk Rede und Antwort standen.

Die Vorsitzende des Fördervereins, Ulrike Lafrenz, erinnerte in an ihren vor einem Jahr verstorbenen Vorgänger, Jochen Hillers. „Er war der Motor von Green Screen, Ideengeber und Visionär. Jochen Hillers hat Green Screen dein Gesicht gegeben, er war Green Screen und wird es immer bleiben.“

Die Eröffnungsfeier klang aus bei einem gesponserten Büffet und vielen guten Gesprächen.

 

 

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erstellt am 12.Sep.2015 | 06:34 Uhr

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