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Eckernförder Zeitung

18. August 2017 | 12:46 Uhr

Der Traum eines panamaischen Fischers lebt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Harald Gross aus Borby auf Tour auf der Panamericana / Abseits der große Route lernt er Capitan Diego Sanchez und dessen eigentümliches Marketingkonzept kennen

Der Borbyer Harald Gross (65) war mit einem Auto vier Wochen auf einem Teilstück der berühmten Panamericana unterwegs. Der ehemalige Marketingleiter ist 3000 Kilometer von Nicaragua über Costa Rica und Panama nach Kolumbien gefahren. In Panama, in der Provinz Los Santos, hat er eine südamerikanische Version des Märchens vom „Fischer un sien Fru“ erlebt – eine Begegnung abseits der Panamericana in einer menschenleeren Provinz.

Die Grenze von Costa Rica habe ich bereits vor mehreren Stunden und 300 Kilometern passiert und war von der Hauptroute, der Panamericana auf eine unscheinbare Nebenstraße abgebogen, um mich quer durch das Land an die Pazifikküste durchzuschlagen. Von „Oh, wie schön ist Panama“, wie es der kleine Bär in der gleichnamigen Geschichte von Janosch beschrieb, ist derzeit nichts zu merken. Sagte doch der kleine Bär zu seinem Freund dem Tiger, „Panama riecht nach Bananen.“ Ich nehme jedoch keine Spur von Bananengeruch wahr. Hier riecht Panama eher nach einem Mix aus Mangrovensumpf, Rindergülle und Müllverbrennung.

Eine menschenleere Landschaft ist dieser dünnbesiedelte Landesteil, die Provinz Los Santos. Jede Stunde begegnet mir mal ein Einheimischer, meist zu Pferd und mit einer gefährlich aussehenden Machete an der Seite. Beim Anblick des Reiters muss ich unwillkürlich an die Ballade über den Banditen Pancho Villa denken. Es scheint, als ob jeden Moment eine Postkutsche die staubige Landstraße entlang rasen müsste, gejagt von wild aussehenden Banditen. „Pancho was an Bandit man, wore his guns outside his pants“, sang einst Jonny Cash.

Beinahe hätte ich darüber den kleinen Hohlweg verpasst, der laut Karte zu einem Strand führen sollte. Der Geruch von Meer und Seetang verdrängt langsam den Gülle-Mangrovenduft, und der Pazifik erstreckt sich in seiner unendlichen Weite. Unter einer Palme liegt vor sich hindösend ein Mensch. Captan Diego Sanchez steht in gestickten Buchstaben auf seinem ehemals blauen Baumwollhemd. Er ist ebenso erfreut wie ich, hier jemanden anzutreffen. Wir kommen gleich ins Gespräch, unterhalten uns lange Zeit über die Landschaft. Auf die Frage, was er denn hier an diesem einsamen Strandabschnitt mache, eröffnet er mir: „Ich warte auf Kunden.“

Capitan Sanchez war seit seiner Kindheit Fischer, fuhr täglich mit seiner Pinasse hinaus aufs Meer und konnte dank der reichen Fischvorkommen so seine Familie ernähren. Eigentlich war er sehr zufrieden mit seinem Leben. Bis eines Tages ein amerikanischer Tourist, der ähnlich wie ich sich eher zufällig an diesen Strand verirrte, vom Fischreichtum so beeindruckt war,dass er Diego auf die Idee brachte, anstatt als Fischer zu arbeiten, doch lieber angelverrückte Touristen als Angelguide zu den Fischgründen zu führen. Diego hatte schnell Feuer gefangen und sah bereits die Balboas (Panamadollars) vor seinen Augen, er bemalte also kurzerhand ein Schild: Capitan Diego Sanchez Guided Fishing Tours und ließ sich sein Baumwollhemd mit dem Namenszug besticken. Und war ab sofort ein neuer Jungunternehmer unter Panamas Sonne.

Seitdem sitzt er dort unter der Palme am Pazifikstrand, bastelt an seinem Außenbordmotor herum und wartet auf Kunden. „Diego, wie viele Kunden hattest Du bisher? „ frage ich. „Also im vergangenen Jahr waren es zwei Kunden, und in diesem Jahr bist Du der erste“, sagt er. Ich bin nicht sonderlich verwundert über die Antwort. Hier, zirka 90 Kilometer abseits der Panamericana, in einem ohnehin menschenleeren und touristisch nicht erschlossenem Landstrich, hat das Ganze schon etwas Paradoxes an sich. Und dennoch – unglücklich scheint er nicht zu sein. Seine Schwärmereien vom Fischreichtum und den zahlreichen Fischarten im Pazifik sind so ansteckend, dass wir uns für den nächsten Tag zu einem Angeltörn verabreden. „Bis morgen wohnst Du bei uns“, meinte Diego kurz und trocken, und ich bin erfreut über die Einladung. Wie sich später herausstellt, war Diegos Frau Estrella aufgrund der Existenzgründerentscheidung ihres Ehemannes nun in die Rolle der Familienernährerin geschlüpft. Ihr kleiner Tante-Emma-Laden, der gleichzeitig auch der Wohnraum der vierköpfigen Familie ist, hält mit seinem kleinen Warenangebot die Familie mehr schlecht als recht über Wasser.

Bis spät in die Nacht hinein sitzen wir bei reichlich Panamabier und der in Panama obligatorischen Hühnersuppe zusammen. Es ist danach schon etwas schwierig, in die eigens für mich auf der Veranda gespannte Hängematte zu kriechen. Kurz nach Sonnenaufgang geht es dann hinaus aufs Meer. Die Atmosphäre hat etwas von Hemmingways „Der alte Mann und das Meer“ – nicht nur wegen der Auswirkungen des gestrigen Abends. Nach dem ersten kraftvollen Biss einer Stachelmakrele bin ich jedoch schlagartig hellwach. Es folgt Biss auf Biss.

Wir fischen den ganzen Vormittag Amberjacks, Gelbflossenthunfische, Barakudas, gefräßige Scierras und Corbinas (ähnlich unserer Meerforelle, jedoch um ein mehrfaches kämpferischer). So manches Mal wünsche ich mir, die Angelsehne würde doch reißen, damit ich nicht zugeben muss, dass ich keine Kraft mehr zum Drillen habe.

Wenn ich heute an diese Begegnung mit Diego zurückdenke, wundere ich mich zwar noch immer über sein panamaisches Marketingkonzept. Aber scheitern bei uns nicht ebenso viele Existenzgründer mangels ausreichend durchdachter Konzepte, die nur auf das Bauchgefühl der Gründer zurückzuführen sind?

Und so könnte das Märchen vom panamaischen „Fischer un sien Fru“ enden: …..und wenn er nicht gestorben ist, so sitzt er noch immer jeden Tag unter der Palme am Pazifikstrand, wartet auf Kunden und träumt vom großen Reichtum, während seine Frau derweil den Laden schmeißt und Geld für die Familie verdienen muss.
Alles Gute Diego!

Karte
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von
erstellt am 11.Feb.2016 | 06:42 Uhr

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