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Handel ohne Geld : Der Tauschhandel in Eckernförde blüht

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ganz ohne Geld – beim Eckernförder Tauschring wird mit Talenten bezahlt / Zweites Tauschringfrühstück im Familienzentrum

Sonnabend, neun Uhr morgens. Die Mitglieder des Tauschrings Birte Girmann (19), ihre Mutter Heike Girmann (46), Gudrun Wölky (69) und Birgit Michalzik (52) bereiten das zweite Tauschring-Frühstück im Familienzentrum Eckernförde vor. Für 28 angemeldete Mitglieder und – man wisse ja nie – einige Kurzentschlossene wird liebevoll geschnitten, geschmiert, belegt und angerichtet.

Mit zwölf Mitgliedern hat nach der Gründung des Eckernförder Tauschrings im Februar alles angefangen. Acht Monate später darf sich die Gruppe über 43 Mitglieder freuen. „Tauschen ohne Geld“ lautet ihr Motto. Ihre Währung: Talente. Und davon hat jeder von ihnen welche, die er gern anbietet.

Tauschring-Küken Birte Girmann ist von Anfang an dabei. Sie habe einmal ihr Fahrrad von jemandem aus der Gruppe reparieren lassen. Während sie das in einer normalen Werkstatt etwa 60 Euro gekostet hätte, habe sie gerade einmal 3 Euro Materialkosten auf sich nehmen müssen. Der Reparateur ihres Fahrrads erhielt im Gegenzug seine investierte Arbeitszeit in Form von Talenten (20 Talente pro Stunde Arbeit) auf seinem Konto gutgeschrieben und kann sich nun überlegen, wann er selbst eine Dienstleistung von einem Mitglied des Tauschrings in Anspruch nehmen will. Bei erteilter Dienstleistung gibt es Plus-Talente auf dem Konto, bei genommener Dienstleistung Minus-Talente, so die Rechnung. Birte kennt sich mit Computern aus und hat unter anderem schon Tauschring-Mitglied Dr. Eva Bäcker (57) bei PC-Problemen geholfen. „Der Tauschring ist einfach toll für die kleinen Dinge im Alltag“, schwärmt Bäcker und ergänzt: „wenn mal eine Glühbirne ausgewechselt werden muss, brauche ich nicht gleich den Elektriker zu rufen.“

„Das Tauschen und damit die Nachbarschaftshilfe nimmt wieder zu“, sagt Peter Höninger (64), Organisator der Veranstaltung. „Normalerweise scheut man sich, seinen Nachbarn um Hilfe zu bitten, weil man sich immer in der Schuld fühlt. Durch unser System, wo jeder sein eigenes Konto hat, kann man sich selbst überlegen, wann man wem womit helfen will“, fügt er hinzu. Das persönliche Konto-Limit: 200 Talente – sowohl im Plus- als auch im Minusbereich. So sei gewährleistet, dass nicht nur genommen, sondern auch gegeben wird, um sein persönliches Konto wieder auszugleichen.

„Unser Frühstück schafft eine Vertrauensbasis unter den Mitgliedern, weil die Leute sich einander persönlich vorstellen. So hat jeder schon mal ein Gesicht vor Augen, bevor er einfach irgendjemanden in seine Bude lässt“, so Höninger.

Am Tauschsystem schätzt Heike Girmann, die in einem Altersheim arbeitet, dass man auch dazu kommt, sich in verschiedenen Bereichen auszuprobieren: „Ich habe für ein Mitglied den 70. Geburtstag vorbereitet – mit Torten backen, einkaufen und der ganzen Planung drum herum. Das hat mir richtig Spaß gemacht. Und so eine große Feier kann man sich ja sonst kaum leisten.“ Reit-Therapeutin Heidi Saldenieks weiß das Talent von Hobbynäherin Hilke Foedtke zu schätzen und ließ sich von ihr eine Handtasche fertigen: „Ich habe an der VHS in Eckernförde Nähkurse besucht, die leider nicht weitergeführt wurden. Der Tauschring bietet mir den optimalen Rahmen, um meinem Hobby weiter nachzugehen“, zeigt sich Foedtke erfreut. Für ein anderes Mitglied hat sie bereits einen Rucksack hergestellt. Ganz neu dabei sind Ursula Brandt und Anke Meißner. „Jeder hat Stärken und Schwächen. Wenn die hier zusammenkommen ist das doch eine tolle Sache!“, so Brandt. Birgit Michalzik bietet Fahrservice an, Heinke Tedsen ist in der Runde für eine gute Autowäsche bekannt und Heike Girmann backt leckere Torten – so kommt jeder in den Genuss toller Dienstleistungen.

Der ehemalige Lehrer Hans Owesen (67) ist seit sechs Wochen Mitglied des Tauschrings und einer von drei männlichen Teilnehmern am Frühstück. Er würde sich darüber freuen, wenn jemand seine Fenster putzt oder ihn bei der häuslichen Inneneinrichtung unterstützt. Dafür helfe er interessierten Mitgliedern bei schriftlichen Arbeiten.

„Fünfundvierzig!“, verkündet Peter Höninger nach einem erfolgreichen Frühstück stolz die neue Anzahl der Mitglieder. „Darunter immerhin elf Männer“, ergänzt er mit einem Schmunzeln.




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erstellt am 13.Okt.2014 | 06:58 Uhr

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