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Der Sprayer „Oz“, sein Werk und sein plötzlicher Tod

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Was treibt Menschen dazu, ihr Leben lang fremdes Eigentum zu bemalen?

von
erstellt am 02.Feb.2015 | 16:20 Uhr

Er gehört zu der Gruppe der Menschen, die nur des Nachts unterwegs sind. Freiwillig und zu seinem Selbstschutz. Sein Tun ist unerwünscht und für die meisten Bürger ärgerlich und sinnlos. Dazu noch kostenintensiv, wenn man den Urzustand wieder herstellen will. Viele haben schon resigniert.

Er sprayt Nacht für Nacht seine verschlungenen Hieroglyphen an fremde Wände. Schleicht sich mit Farbtöpfen und Pinseln aus dem Haus. Leere Wände sind seine Beute. In die Innenstädte traut sich nachts keiner mehr, da kann er in Ruhe arbeiten. Ich kann nur ahnen, woher er das Geld für die Farben nimmt. Vermutlich vom Harz IV-Gehalt. Viel braucht er ja nicht zum Leben.

Ich versuche, mich in ihn hineinzudenken. Es will mir nicht so recht gelingen. Ist es generationsbedingt? Wahrscheinlich. „Narrenhände beschmieren Tisch und Wände“, hieß es, wenn wir uns pubertär in der Schulbank oder auf der Klotür verewigen wollten. Das Herzchen in den Baum geschnitten, war grade noch als Liebesbeweis gestattet. Aber riesige Flächen im Schnelldurchgang zu besprühen, immer auf dem Sprung, nicht erwischt zu werden, das wäre uns nie in den Sinn gekommen.

Soll das Wändebesprühen als stiller Protest gegen das Bürgertum verstanden werden, oder ist es nur Langeweile? Ist es Abenteuerlust? Dient es der eigenen Befriedigung? Ist es der Wunsch, als Künstler öffentlich anerkannt zu werden? Warum tut er das, was er tut oder anderen antut? Er signiert sogar seine „Werke. Seht her, ich war es! Es muss doch irgendein Antrieb dahinterstecken, oder ist er nur ein Fall für den Psychiater? Man könnte es meinen, aber Tausende von Sprayern, die in Deutschland und anderen Ländern des Nachts unterwegs sind, müssten dann auch seelisch gestört sein. Schwer vorstellbar. Vielleicht ist es von allem ein bisschen.

Da der Staat mit seinen gesetzlichen Maßnahmen diese Leute nicht in den Griff bekommt, versucht er den Weg der Toleranz zu gehen. Er erkennt sie als Künstler an und vergibt sogar gezielt Aufträge. Aber, ist es das, was sie gewollt haben? Bestärkt er die Sprayer nicht noch mehr in ihrem heimlichen Tun? Ich sehe einen bestimmten jungen Mann vor mir. Er hat sein Leben lang nichts anderes getan, als seine Bilder nachts auf fremde Wände gesprüht. Heute war wieder eine günstige Nacht. Sternenklar und eine fahle Mondsichel am Himmel, die ihn nicht verraten wird. Er packt die Sprühdosen und Malwerkzeug zusammen. Sein eiliger Schritt führt ihn zielsicher zum Güterbahnhof der Stadt.

Dort ist er meist ungestört. Vor seinem geistigen Auge sieht er schon das fertige Bild wie eine Fata Morgana. Groß muss es sein, unübersehbar und in alle Länder gefahren werden. Da drüben, der Waggon mit dem glatten Aufbau ist genau der Richtige. Er lauscht in die Nacht. Nur ein Käuzchen ruft. Er stellt die Farben und Malzeug ab, knipst die Taschenlampe an und beginnt mit der Vorzeichnung. Eine Schablone für die Buchstaben erleichtert ihm den Entwurf. Er arbeitet allein, denn Freunde, auf die er sich verlassen kann, hat er nicht. Stunde um Stunde arbeitet er ungestört. Er scheint zufrieden.

So viele Wände hat er schon besprüht. Aber dieses Mal ist es ihm besonders gut gelungen. Zum Schluss setzt er noch seine Signatur „OZ“ ins Bild. Jetzt tritt er ein paar Schritte zurück, um sein Werk im Ganzen zu erfassen. Der Schein der Taschenlampe wandert über den Waggon. Da rollt aus dem Dunkel der Nacht eine schwere Güterlok heran. Zu spät bemerkt er sie! Nicht einmal ein Schrei gellt in die Nacht. Der Tod hat ihm die Spraydose aus der Hand gerissen.

Am anderen Tag steht eine kurze Notiz über den Unfall in unserer Zeitung. Das war’s!


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