Der Spielverderber am Marterpfahl

Marterpfahl-Ausgabe der damals angesagten „Sheriff Teddy“-Comics.
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Marterpfahl-Ausgabe der damals angesagten „Sheriff Teddy“-Comics.

Verwegene Cowboy- und Indianerspiele auf dem Hinterhof: Nachbarsjunge Dieter musste leiden

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01. August 2018, 01:07 Uhr

Wir hatten auf dem Union-08-Schotterplatz hinter der Eisenbahnbrücke gebolzt. Die Lippsche Bahn bekam gerade neue Telegrafenmasten. Nicht einfache, stehende Balken, sondern querverstrebte, doppelte, wie schiefe Pylonen. Unsere Mannschaft suchte sich einen etwa drei Meter langen Pfosten aus, den wir gemeinsam, ohne einmal abzusetzen, in die Stadt trugen, um ihn im Hinterhof von Komtur 7 etwa einen Meter tief einzugraben, als Marterpfahl. Wir haben dann versucht, unsere Fahrtenmesser im Wurf darin steckend unterzubringen, doch die aus billigen Blechen zusammengenieteten Messer zerlegten sich nacheinander. Rudi hatte ein Wurfmesser, mit geschraubtem Griff, doch auch dieses ging zu Bruch. Das einzige, was als Wurfwaffe taugte, war ein alter Armeespaten aus dem zweiten Krieg (ein Beil besaßen wir nicht).

Vor unserer Haustür hatte ich den Dieter, der im Baumgärtelhaus wohnte, mit dem Lasso eingefangen und gleich gefesselt. Erst hat er mitgemacht, doch als er anfing sich zu wehren, war es zu spät. Zusammengeschnürt habe ich ihn dann auf einen Hocker vor den Marterpfahl gestellt und daran fest gebunden. Danach den Hocker weggezogen. Opfer machen sich hängend besser. Der Dieter hat nichts dazu gesagt, hat mir die Zunge rausgestreckt und einen auf Chamäleon gemacht, erst rot, dann weiß, ganz blau geworden.

Mein Vater turnte aus dem 3. Stock durchs Treppenhaus, war beim Briten angestellt, Mittagspause beendet. Sah den Dieter dort hängen. Kam wie eine Rakete aus der Hinterhoftür und riss den Marterpfahl samt Dieter aus dem Boden, befreite ihn von meinem Gezurre. Zwei Stunden Erdarbeiten waren dahin. Dieter hat nichts mehr gesagt, nur dumm herumgelegen. Tat völlig unbeteiligt. Zu der Zeit hatte ich noch keine Jugendrotkreuzausbildung, sonst hätte ich ihn wiederbelebt. Mein Vater hat seine Beine hochgehalten, dann hat der Dieter zweimal gezuckt, begann zu zittern, ging auf die Knie und fing an zu heulen (war sowieso ein Weichei, der weinte schon, wenn man ihm sagte, „ich spiele heute nicht mit Dir!“). Dann fing er an zu husten. Irgendwie konnte der nichts ab; schlapp auf der Brust, die Lunge, schaffte höchstens eine Friedenspfeife am Tag, normal waren drei, meine Omma hatte einen Zigarrenladen. Eigentlich war er ständig ein Spielverderber, machte oft nicht mit. Kniff ständig.

Vor Wochen hatte sich ein Sensationsdarsteller, so indischer Fakir, am Bahnhof für zwei Tage in Trance, gegen Entgelt, lebendig begraben lassen. Das hatte ich mit Dieter auch vorgehabt. Obwohl ich die Kuhle schon ausgehoben hatte, hat er sich mir verweigert. Zahlende Zuschauer waren eingeladen, wir hätten Reibach machen können.

Dieter darf jedenfalls nicht mehr auf den Hof, bevor er den Marterpfahl wieder eingegraben hat. Alles andere ist vergessen, man muss auch verzeihen können, darf nicht immer nachtragend sein.

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