zur Navigation springen

Auf den Spuren der Egerländer : Der Polka-Virus erfasst die Stadthalle

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Dirigent Freek Mestrini und das Schleiblasorchester Kappeln entfachen beim Konzert in der Stadthalle eine mitreißende Stimmung. Es sind auch viele jüngere Besucher da. Die böhmisch-mährischen Melodien gehen sofort ins Blut.

von
erstellt am 11.Nov.2014 | 06:14 Uhr

Böhmischer und mährischer Wind wehte am Sonntagnachmittag durch die Stadthalle. Er infizierte die Besucher mit dem Polka-Virus – von der vordersten bis zur hintersten Reihe. Anders kann man die Begeisterung der fast 400 Gäste nicht bezeichnen. Das Schlei-Orchester Kappeln hatte zu einem Konzert der besonderen Güte geladen. Zu Gast war der Trompeter, Flügelhornist, Komponist und Dirigent Freek Mestrini. Der gebürtige Holländer lebt im Allgäu, spielt seit über 40 Jahren böhmische und mährische Blasmusik und gewinnt stets neue Fans für die Volksmusik. Wer nur gemütliche Weisen erwartet hatte, sah sich getäuscht: Der 68-Jährige war ein echtes Energiebündel, der es verstand, nicht nur die Musiker, sondern auch sein Publikum mitzunehmen.

Es waren nicht nur ältere Freunde der Volksmusik gekommen. Unter den Zuschauern waren auch erstaunlich viele Männer und Frauen der jüngeren Generation. Der Vorsitzende des Orchesters, Uwe Kornienko, erklärte eingangs, dass die Musiker an einem Wochenend-Workshop von Mestrini teilgenommen hätten. Der eigentliche Dirigent der Kappelner, Johannes Kringel, überließ dem Gast an diesem Nachmittag gerne den Taktstock. Mit den Worten „Herzlich willkommen in Elbphilharmonie Eckernförde“ und dem „Gruß an Kiel“ eröffnete Mestrini das Programm, das zwei Stunden böhmische und mährische Blasmusik bot. Schon beim zweiten der 24 Titel bezog er das Publikum, das ihm nur zu gerne folgte, mit ein. Beim „Böhmischen Defiliermarsch“ bat er die Gäste: „Legen Sie die Hände auf den Bauch, möglichst auf den eigenen, und genießen Sie.“

Der 1946 geborene Sohn eines Bergmanns lernte Ernst Mosch und seine Egerländer kennen, als er schon als Militärtrompeter beruflich unterwegs war. Der König der Blasmusik (gestorben 1999) bot dem jungen Mann ein Engagement als dritter Trompeter an. 1973 nahm Mestrini das Angebot an und ging nach Deutschland, wo er bis 1994 bei den Egerländern spielte. Nebenbei begann er zu komponieren und zu arrangieren, so dass mittlerweile über 800 Titel aus seiner Feder stammen. Einige dieser Titel brachte er am Sonntag mit den Hobbymusikern zu Gehör – nie ohne die dazugehörige Anekdote auf höchst amüsante Weise zu erzählen. Und so kennen die Eckernförder auch seit Sonntag den Unterschied zwischen böhmischer und mährischer Blasmusik: In Mähren wird viel Wein getrunken, der die Leute lebhaft werden lasse. So sei auch ihre Musik, schnell und mitreißend, sagte Mestrini. Das böhmische Völkchen trinke Bier und sei eher gemütlich – dementsprechend sei auch seine Musik. Genau diese Unterschiede konnte man nicht nur hören, sondern auch sehen. Da schwang der 68-Jährige seine Hüften, klatschte in die Hände, tänzelte vor den Musikern, gab dem Publikum den Klatscheinsatz vor und forderte auch die Musiker in der letzten Reihe auf, alles zu geben. Mit großen ausladenden Gesten läutete er sanfte Weisen wie die „Herbstfestpolka“ ein. Dabei sparte er nicht mit Lob für seine Musiker. Oft war das Wort „Jawoll“ nach einer Darbietung zu hören. Das Publikum tobte. Wie auch beim Duo Uwe Kornienko und Ruth Jochimsen, dem Tüpfelchen auf dem i. Es sang das „Tüdelband“-Lied, unterlegt mit einem Polka-Arrangement.

Schunkelnd und bester Laune verließen die Zuschauer nach über zweieinhalb Stunden die Stadthalle. Ob jetzt alle der fast 400 Gäste zu wahren Fans der böhmischen und mährischen Blasmusik geworden waren, wie Freek Mesterini es in seinen Abschiedsworten gefordert hatte, war nicht wichtig. Aber die gemütliche und heimelige Stimmung – die nahm jeder mit nach Hause.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen