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ungewöhnliche literaturrezension : Der laufende Literaturzirkel

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Stadtbücherei bietet seit einem Jahr den „Lese-Lauf-Treff“ an. Die Teilnehmer reden beim Joggen über Literatur.

Eckernförde | „Ökotopia“ heißt das Buch, für das Verena Leonhardt gerade eine Lanze bricht. Manchmal stockt sie, muss tief Luft holen, einem Spaziergänger ausweichen, doch ihr Enthusiasmus für den Zukunftsroman von Ernest Callenbach ist ungebrochen. Hier, auf der Strandpromenade ist der Verkehrslärm fern, nur schnelle Schritte auf dem Pflaster sind zu hören, hin und wieder ein lautes Atmen. Drei Leute hören ihr zu. Auch sie geraten manchmal ins Schnaufen, der Schweiß steht ihnen auf der Stirn, doch ihre Aufmerksamkeit ist ungebrochen. Es ist die wohl ungewöhnlichste Literaturrezension in Eckernförde: Seit einem Jahr bietet die Stadtbücherei einen „Lese-Lauf-Treff“ an. Die Teilnehmer joggen gemeinsam – und unterhalten sich währenddessen über Literatur. So wie jetzt über „Ökotopia“.

„Für mich war es die Kombination zweier Leidenschaften“, sagt Bibliothekarin Verena Leonhardt, auf deren Initiative das Angebot zurückgeht, und biegt mit ihren Mitstreitern auf die Hafenpromenade ein. „Laufen und die Zeit für Gespräche über gemeinsam gelesene Bücher nutzen.“ Wie sich herausstellte, fanden auch noch weitere Sport- und Literaturfreunde das Angebot reizvoll, auch wenn heute Abend nur drei gekommen sind.

Rüdiger Schwab zum Beispiel. Der 57-Jährige aus Ascheffel probierte das neue Angebot einfach aus und blieb dabei. „Wenn man viel liest, ist man dankbar für einen neuen Input“, sagt er, während er mit den anderen über die Holzbrücke zur Borbyer Seite läuft. „Wir besprechen immer, welches Buch wir lesen wollen und treffen uns nach sechs Wochen, um beim Laufen darüber zu reden.“ Bis auf das letzte Buch sei keine Enttäuschung dabeigewesen. Im Gegenteil: „Man liest auch mal Bücher, auf die man sonst nicht gekommen wäre.“ Und: „Man lernt auch andere Sichtweisen kennen.“

Die von Svea Preuss aus Eckernförde zum Beispiel. Dass sie schon seit 20 Minuten läuft, ist der 16-Jährigen nicht anzumerken, als sie mit den anderen gegenüber dem Segelclub in den Louisenberger Weg einbiegt, wo auf einmal Bäume die Jogger umgeben. „Ich habe in der Bücherei in einem Gespräch erwähnt, dass ich gerne laufe und wurde gleich auf den Lese-Lauf-Treff angesprochen“, erklärt die Schülerin, ohne dabei ins Schnaufen zu kommen. Bei den bisherigen Treffen konnte sie nicht nur ihren literarischen Horizont erweitern, sondern auch die Fortschrittte der Bauarbeiten am Marinestützpunkt verfolgen. Dort nämlich geht es wieder zurück in Richtung Innenstadt.

Für Britta Müller (52) aus Gettorf macht gerade diese Mischung den Reiz aus: „Hier joggen Menschen miteinander, die im Alter 30 Jahre auseinander liegen und vermitteln sich ihre Sicht der Dinge.“ Die Literatur gibt dazu den Anstoß, doch im Laufe einer Tour landen die Läufer auch bei Privatem, bei anderen Büchern außer dem gerade gelesenen und bei der eigenen Meinung über Gott und die Welt.

Diesmal geht es schnell, bis die Teilnehmer bei einem anderen Thema als dem gelesenen Buch landen, denn alle sind sich einig: Mit dem Buch „Das Leben der Wünsche“ von Thomas Glavinic kann niemand so recht etwas anfangen – ein verwirrendes Buch, das trotzdem flüssig zu lesen ist.

Das nächste zu lesende Buch wird heiß diskutiert, die ganze Borbyer Promenade entlang, bis es über die Holzbrücke wieder zurück zur Strandpromenade geht. „Ökotopia“ von Ernest Callenbach steht zur Wahl, aber auch „Kindeswohl“ von Ian McEwan. Selbst, als Svea 100 Meter vor der Bücherei nochmal zu einem Sprint auffordert und ihre Mitläufer weit hinter sich lässt, ist noch keine Entscheidung gefallen. Die wird schließlich Verena Leonhardt überlassen, die allen Teilnehmern eine E-Mail mit dem zu lesenden Buch und dem nächsten Lauftermin senden wird. Die Bücher können die Teilnehmer über die Bücherei ausleihen. In sechs Wochen treffen sie sich dann wieder, um über das Werk beim Laufen zu sprechen. „Seit einem Jahr haben wir nicht ein Treffen ausfallen lassen“, sagt Leonhardt. „Dabei hatten wir Glück und nicht einmal Regen abbekommen.“

>Wer an dem Lese-Lauf-Treff teilnehmen möchte, sollte problemlos eine Stunde lang laufen und sich dabei unterhalten sowie innerhalb von sechs Wochen ein Buch lesen können. Interessierte können sich in der Stadtbücherrei, Tel. 5640 melden.

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