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Eckernförder Zeitung

20. Oktober 2017 | 05:27 Uhr

Der lange Weg zur sozialen Marktwirtschaft

vom

shz.de von
erstellt am 11.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Eckernförde | Als mein Großvater sein Berufsleben als Handwerker in einer Werkstatt begann, hatten er und seine Kollegen eine tägliche Arbeitszeit vor mindestens 12 Stunden. Es gab für ihn keine Krankenversicherung, keine Rentenversicherung und keine Arbeitslosenversicherung, und er arbeitete für einen Hungerlohn. Wer damals arbeitslos oder krank wurde, stand vor dem Nichts.

Heute haben wir die von Ludwig Erhard nach 1945 eingeführte soziale Marktwirtschaft. Löhne und Arbeitszeiten werden von den Arbeitgebern und Arbeitnehmern als Sozialpartner im gesetzlich festgelegten Rahmen der Tarifautonomie vereinbart. Die gesetzlichen Sozialversicherungen sorgen für Schutz bei Krankheit, Arbeitslosigkeit und für die Rente. Daneben sichert der Staat ein materielles Existenzminimum. Über all das gibt es einen Konsens unter den deutschen Parteien, den Arbeitgebern, vertreten durch ihre Verbände, und den Arbeitnehmern, vertreten durch die Gewerkschaften.

Die Voraussetzungen für diesen Konsens mussten sich jedoch erst über viele Jahrzehnte entwickeln oder erkämpft werden. Ein Meilenstein in dieser Geschichte war die Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins vor 150 Jahren, am 23. 5. 1863, der ersten politischen Organisation der deutschen Arbeiterbewegung und die 1869 erfolgte Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Der Zusammenschluss dieser beiden Parteien führte später zur Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Dies ist Anlass für eine große Ausstellung in Mannheim "Geschichte der Arbeiterbewegung 1863-2013".

Man kann sich heute kaum vorstellen, mit welchem Widerstand sich die Sozialdemokraten, die Interessenvertreter der Arbeiter, auseinandersetzen mussten. Der konservative, restaurative Staat bekämpfte die neue politische Kraft mit allen Mitteln. Bis 1890 waren sozialdemokratische Versammlungen und Schriften verboten. Sozialdemokraten wurden verfolgt, verhaftet und emigrierten. Unternehmen entließen Mitarbeiter die im Verdacht standen, den Sozialdemokraten nahe zu stehen. Dabei beschreibt die Ausstellung nicht nur den Alltag und die Kultur, die Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen der Arbeiter im 19. Jahrhundert, sondern verfolgt die Entwicklung der sich immer wieder ändernden Produktionsverhältnisse bis zur heutigen aktuellen Arbeitswelt, der Verlagerung von Arbeit in Billiglohnländer, die Dienstleistungsgesellschaft und die Folgerungen, die sich hieraus ergeben.

Einen wesentlichen Anteil an der Geschichte der Arbeiterbewegung haben die Gewerkschaften. Sie hatten zunächst das Ziel, die Selbsthilfe bei Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit. Es war ein langer schwieriger Weg mit vielen Widerständen und Opfern, bis die Gewerkschaften schließlich als Sozialpartner akzeptiert wurden.

Heute müssen Unternehmer und Gewerkschaften, und nicht zuletzt der Staat auf neue Voraussetzungen der Arbeitswelt und der globalisierten Märkte reagieren. Zusätzliche Probleme verursachen die entfesselten Finanzmärkte.

Wenn man die Ausstellung verlässt, die noch bis zum 25. August dauert, ist einem wieder bewusst geworden, dass wir in Deutschland in einer sozialen Ordnung leben, vor der unsere Vor-Väter nur träumen konnten. Man kann nur hoffen, dass die Errungenschaften für eine humanere Arbeits- und Lebenswelt, die sich im über 150 Jahren entwickelt haben, nicht wieder verloren gehen.

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