Eckernförde : Der jähe Absturz der Lauffertigung

In dieser Halle in der Sauerstraße werden noch alle Sauer- und Blaserläufe produziert. Ab August sollen die Läufe für die Jagdwaffen in Isny im Allgäu hergestellt werden. Foto: Peters
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In dieser Halle in der Sauerstraße werden noch alle Sauer- und Blaserläufe produziert. Ab August sollen die Läufe für die Jagdwaffen in Isny im Allgäu hergestellt werden. Foto: Peters

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12. März 2011, 07:52 Uhr

Eckernförde | Erneute Hiobsbotschaft aus der Sauerstraße, erneut stehen beim Eckernförder Waffenhersteller Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die erst im Februar 2010 ausgegliederte Lauffertigung des Waffenherstellers SIG Sauer, die Barrel International GmbH (BIG), soll nach Angaben des Betriebsrats und der IG Metall im Geschäftsjahr 2010 Verluste im Bereich von vier Millionen Euro eingefahren haben. Von den 62 Beschäftigten sollen nach Betriebsratsangaben nur noch 16 am Standort Eckernförde bleiben: 15 Zeitarbeitsverträge laufen Ende März aus, zwei Beschäftigte haben die Kündigung eingereicht, die übrigen 29 Mitarbeiter sollen eine Änderungskündigung und ein Weiterbeschäftigungsangebot für die ebenfalls zur Holding der Inhaber Michael Lüke und Thomas Ortmeier gehörenden Blaser Jagdwaffen GmbH in Isny im Allgäu erhalten.

Während die Geschäftsführung die fehlgeschlagene "konzeptionelle Neuausrichtung" der Laufproduktion sowie das seitens der Belegschaft abgelehnte Sanierungskonzept mitsamt Arbeitsplatzgarantie als Ursachen für den wirtschaftlichen Misserfolg ansieht, steht für den Betriebsrat und die Gewerkschaft fest: Die Probleme der BIG haben nichts mit der Qualität der Beschäftigten oder einer schwierigen Marktsituation zu tun, sondern sind hausgemacht: Grobe, von den Eigentümern selbst eingeräumte und tolerierte Managementfehler, ein Preisdiktat des Hauptabnehmers Blaser, der für die Läufe nur einen Bruchteil des üblichen Verkaufspreises entrichtet haben soll, unproduktive Arbeitsabläufe und lange Umrüstzeiten der CNC-Maschinen für Kleinaufträge mit entsprechend hoher Ausschussquote hätten zu dem "katastrophalen Ergebnis" geführt, erklärten der BIG-Betriebsrat, der Betriebsratsvorsitzende der benachbarten SIG Sauer, Fritz Jahn, und der Bevollmächtigte der IG Metall, Kai Petersen. Sehenden Auges, so ihr Vorwurf, habe die Konzernleitung den Absturz des zentralen Läufe-Lieferanten für die Pistolen und Jagdwaffen der Sauer- und Blaser-Gruppe hingenommen. Unternehmerisches Kalkül, um den präferierten Standort im Allgäu auf Kosten Eckernfördes zu stärken? "Spekulation", meinen die Betriebsräte in Eckernförde, ausschließen möchten sie das aber nicht.

BIG-Betriebsratsvorsitzender Raimund Gräschus, sein Stellvertreter Frank Jegust und die Betriebsräte Rüdiger Kähler, Helge Olejenik und Jörg Kahnert - alle gelernte CNC-Einrichter und alte "Saueraner" - werfen Eigentümer Lüke vor, seine mündlichen Versprechungen zum Ausbau der BIG zum führenden Laufkompetenzzentrum in Europa nicht eingelöst zu haben. Es sei bezeichnend, dass Lüke das vom Betriebsrat daraufhin schriftlich fixierte Papier nicht habe unterzeichnen wollen, so der Betriebsrat. Man habe darauf hingewiesen, dass der Jahresumsatz ohne weitere 15 Einstellungen nicht zu schaffen sei, die Geschäftsführung wiederum habe von den Mitarbeitern den Verzicht auf das Urlaubsgeld gefordert - die Belegschaft lehnte ab. Schon da, so Gräschus und Co., habe es offensichtlich Bestrebungen gegeben, sich von Mitarbeitern zu trennen: Seit Mai 2010 habe man Informationen über eine Liste mit Qualifikationen und Kündigungsfristen gehabt. Weiteres Indiz: Ein eingesetzter Unternehmensberater sei schnell wieder abgezogen worden, nachdem er festgestellt habe, dass "die Mannschaft gut und die Probleme hausgemacht" seien. Zwei Geschäftsführer seien abberufen worden. Spätestens als Anfang August nach der Aufstellung eines gebrauchten Bearbeitungszentrums der Ausspruch "... aber die Pistole bleibt doch" zu vernehmen gewesen sei, war dem Betriebsrat klar, dass die Laufproduktion für die Jagdwaffen nach Isny verlagert werden soll.

Um ihre Arbeitsplätze in Eckernförde zu erhalten, wären die Mitarbeiter bereit gewesen, die wöchentliche Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden zu erhöhen - ohne Lohnausgleich, sagen Gräschus und Jegust. Doch darauf sei die Geschäftsführung nicht eingegangen und habe stattdessen im Dezember 2010, wie vor Jahresfrist bei SIG Sauer, auch den Verzicht auf das Urlaubs- und Weihnachtsgeld für zwei Jahre gefordert - ohne Kündigungsschutz oder Tarifanerkennung. Die vorgebliche Arbeitsplatzgarantie sei in Wirklichkeit keine gewesen, daher habe man abgelehnt. "Ein Schlag ins Gesicht", meinen Gräschus und Jegust. "Wir sind ihm (Lüke, die Red.) auf den Leim gegangen, deshalb sind wir so sauer", sagt Jegust. Und auch darüber, dass die Firma durch die extrem niedrigen Abgabepreise der Läufe in der eigenen Gruppe "finanziell ausgehöhlt" worden sei - zum Nachteil der BIG, zum Vorteil des Hauptkunden Blaser.

Der Geschäftsführer der Barrel International GmbH, Björn Scheel, weist den Vorwurf zurück: Die Verrechnungspreise orientierten sich an Marktpreisen. Das 2009 eingeleitete Konzept zur Neuausrichtung der Lauffertigung habe nicht erfolgreich umgesetzt werden können, so Scheel. Im Dezember 2010 sei den Mitarbeitern ein Sanierungskonzept mit einer Arbeitsplatzgarantie für die unbefristet beschäftigten Mitarbeiter vorgelegt worden, das vom Betriebsrat und der Belegschaft abgelehnt wurde. Da die BIG ihre gesamten Langwaffenläufe, mit Ausnahme der Läufe für das Sport-, Scharfschützen- und Sturmgewehr, nahezu ausschließlich an die Blaser Jagdwaffen GmbH liefere und damit in etwa 70 Prozent ihres Umsatzes erwirtschafte, habe der Verlust dieses Kunden "eine existenzgefährdende Situation" dargestellt. Um die wirtschaftlichen Folgen in Grenzen zu halten und den Arbeitnehmern eine Weiterbeschäftigungsperspektive in Isny zu bieten, beabsichtige die BIG, ihre Lauffertigung Jagd zum 1. August 2011 nach Isny zu verlagern. Entlassungen sollen nicht ausgesprochen werden, teilte Scheel mit, vielmehr soll den betroffenen BIG-Mitarbeitern ein Arbeitsplatz in Isny angeboten werden. In Eckernförde soll die Lauffertigung für die Pistole sowie das Sport-, Scharfschützen- und Sturmgewehr verbleiben. Derzeit werde mit dem Betriebsrat über einen Interessenausgleich- und Sozialplan verhandelt.

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