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„Der Hase mit den Bernsteinaugen“: Eine Familiengeschichte

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

von
erstellt am 27.Jan.2014 | 00:34 Uhr

Wenn ich Meldungen lese über latenten Antisemitismus oder die Beutekunst der Nationalsozialisten, kommt mir ein Buch in den Sinn, das diese Missstände plastisch beschreibt. Es heißt „Der Hase mit den Bernsteinaugen“ von Edmund de Waal. Der Autor ist kein Schriftsteller, sondern Professor für Keramik.

Der Titel des Buches beschreibt eine japanische Miniatur, die man Netsuke nennt, künstlerisch ausgeführt und kostbar. Anhand der Sammlung, zu der diese Figur gehörte, beschreibt de Vaal nichts weniger als den Untergang seiner Familie. Er ist Abkömmling einer jüdischen Familie mit Ursprung in Odessa. Sie wurde reich durch Getreidehandel, ähnlich wie so mancher früher in unserer Region. Als aufstrebendes Unternehmen expandierten sie in westliche Metropolen wie Paris und Wien, betrieben auch das Bankengeschäft. Sie waren den Rothschilds ebenbürtig. Der Vorfahr, den wir als erstes kennenlernen, betätigte sich in Paris als Mäzen und Kunstsammler zur Zeit der Belle Epoque um ca. 1870. Er war es, der in einer Zeit der Begeisterung für alles Japanische die Sammlung kaufte. Wir erleben ihn als Mitglied der Gesellschaft, er sah sich aber bereits antisemitischen Vorurteilen ausgesetzt, die in weiten Teilen der Gesellschaft, auch unter Künstlern, verbreitet waren. Das war die Zeit der Dreyfusaffäre, in der ein französischer Generalstabsoffizier aufgrund seiner jüdischen Herkunft mit falschen Beweisen verurteilt und auf die Teufelsinsel geschickt wurde. Später wurde er rehabilitiert.

Als Hochzeitsgeschenk gelangte die Sammlung zu einem Zweig der Familie nach Wien. Dort erreichte der Judenhass wie wir wissen besondere Ausmaße, verstärkt nach dem „Anschluss“ 1938. Dies bedeutete Niedergang und Vernichtung der Familie. Die Miniaturen waren das einzige, was aus dem Besitz blieb. Sie wurden vom Dienstmädchen unter der Matratze versteckt und in ihrer Schürze herausgeschmuggelt.

Im Laufe des Lesens wandelt sich die Reaktion des Lesers von einer gewissen Distanz zu Anteilnahme an dem unverschuldeten Schicksal der beschriebenen Personen.
Besonders, weil die Ursachen unter- teils vordergründig noch da sind und die Folgen uns bis heute begleiten und daran erinnern.

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