Vier Stunden vor 500 Leuten : Der geplauderte Irrsinn

Dreht sich im Bürostuhl hin und her wie seine Gedanken im Kopf: Hagen Rether hat gar nicht genug Finger, um sie in alle Wunden der Gesellschaft zu legen.
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Dreht sich im Bürostuhl hin und her wie seine Gedanken im Kopf: Hagen Rether hat gar nicht genug Finger, um sie in alle Wunden der Gesellschaft zu legen.

Kabarettist Hagen Rether hält der Gesellschaft in der ausverkauften Stadthalle den Spiegel vor. Scharfzüngige Kritik an der Politik.

shz.de von
08. Januar 2018, 06:35 Uhr

Eckernförde | Die halbe Welt kommt nach Deutschland. Syrer, Afrikaner, Afghanen, sogar Engländer. „Alle wollen deutsche Pässe haben, weil es hier wie in Bullerbü ist, und wenn man hier die Leute fragt, wie es ihnen geht, antworten sie: ’Muss ja’.“

Hagen Rether braucht keine grellen Pointen, und auch keine grellen Lacher. Der Kabarettist, der am Freitagabend knapp vier Stunden lang über 500 Gäste in der ausverkauften Stadthalle unterhielt, braucht nur die Realität. Die stupst er kurz an und schon plumpst einer jener Widersprüche heraus, die jeder kennt, aber doch nicht richtig sieht: „Was geht in einem Apachenhäuptling vor, der seit Jahrzehnten spielsüchtig und alkoholkrank in einem Reservat sitzt und hört, dass heute Kampfhubschrauber ’Apache’ heißen? Ist das eine schnippische Wendung oder ein dialektischer Scherz? Oder einfach nur stumpf und kolonialistisch? Sowas kann man sich hier nicht vorstellen: Spürpanzer ’Schlomo’.“

Der Mann am Klavier spricht leise. Er wendet seine Gedanken wie im Selbstgespräch hin und her, unaufgeregt, aber auf den Punkt gebracht. Erst durch ihre Qualität entfalten sie beim Publikum Sprengkraft, manchmal verzögert, denn so mancher Gedanke ist bitter und braucht etwas, um zur Erkenntnis zu werden.

„Die meisten Flüchtlinge haben gar keine Facharbeiterausbildung. Was fällt denen ein? Die interessieren sich überhaupt nicht für das, was unsere Wirtschaft braucht. Denken nur an sich: Ich, ich, ich. So kommen die einfach aus dem Krieg zu uns. Dabei steht es doch in der Genfer Flüchtlingskonvention: erst eine Facharbeiterausbildung machen, danach Flüchtling werden.“

Politik, Minderheiten, Werte und Religion, ja auch Fußball thematisiert der Mann, der einfach vor sich hinplaudert. Er ist überzeugter Veganer und politisch links orientiert. Freunde von Fleisch und Angela Merkel müssen sich warm anziehen. „Parteien, die auf soziale Themen setzen, haben keine Chance im christlichen Abendland“, sagt er. „Jahrelang nicht. Bis es so schlimm wird, dass jeder denkende, fühlende Mensch sagt: Na gut, machen wir es halt.“ Atomausstieg, schwule Ehe, Strafverfolgung von Vergewaltigung in der Ehe – jahrelang habe es Dresche von den „Alpha-Hirschen der CDU/ CSU“ für die „Waldorf-Tussis“ gegeben. „Wir hätten nix, wenn die linksliberalen, Multikulti-Ökospinner-Humanisten nicht jahrzehntelang gegen den Mainstream Forderungen aufgestellt hätten.“

Rethers Gedanken sind ein Spiegel der Gesellschaft. Missstände und Sorgen finden ihren Ausdruck. Kabarett? Ja, aber mit einer leisen Note von Humor. Der Mann hat viel mehr zu sagen: Visionen wollten die Deutschen, aber ohne sich aus ihrer Komfortzone zu bewegen. „Einmal im Monat gibt es eine Jammer-Talkshow über Starbucks, Amazon, Apple und Google, weil das Schweinesysteme sind, die nicht richtig Steuern zahlen, Mensch und Natur ausbeuten und Einzelhändler ruinieren. Ja, dann kauft nicht bei Starbucks, Amazon, Apple und Google.“

Rethers Fazit: Es geht uns gut, aber wir sind ganz schön doof. Deshalb sein Tipp nach fast vier Stunden: „Machen Sie doch mal eine Liste mit allen Dingen, für die Sie dankbar sind.“

Die besten Sprüche:

 - „Biorinder-Züchter ist wie ein Zuhälter, der nach Tarif bezahlt.“

 - „Wir können nicht zehn Jahre Insektenvernichtungsmittel auf die Felder kippen und uns jetzt beschweren, dass die Insekten vernichtet sind.“

 - Zum Islam: „Wir haben noch in den Wald gekackt, da haben die schon durch die Nase operiert.“

 - „Gegen das, was unsere Großeltern gemacht haben, ist der Islamische Staat ein Montessori-Kindergarten.“

 - „Was hinterlassen wir unseren Kindern? Einen Wüstenplaneten und Veganerwitze.“

  - „5000 staatliche Exekutionen im Jahr in China, und die Organe der Toten werden auf den Markt geworfen. Das juckt uns gar nicht. Wir werden das nie boykottieren, sonst müssten wir uns unsere Handys selber löten.“

 - „Es gibt in den Führungsetagen der deutschen Dax-Unternehmen mehr Männer, die Thomas heißen, als Frauen.“

 - „Prostituierte müssen einen Gesundheitsnachweis erbringen... Jetzt muss das Reh schon den Jagdschein machen.“

 - „Im Gegensatz zu Fußballspielen braucht man bei Klassikkonzerten keine Polizei-Hundertschaften, weil die Rachmaninow-Fans nicht die Chopin-Fans totschlagen wollen.“

 - „Heute sitzt der Godfather of Pussy-Grabbing im Weißen Haus.“

 - "Hier werden Hunde frisiert, in China frittiert.“

 - „Wir fanden Bush mal schlimm. Verglichen mit Trump war Bush ein hypersensibler Literaturwissenschaftler.“

 - Zum Treffen von Trump und Merkel: „Der Klassenschläger trifft die Vertrauenslehrerin.“

- Zu seinem Bart: „Ich hab’ mir so’n Frettchen in die Fresse getackert. Das macht keinen Dreck, und ich kann es füttern, wie ich will.“

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