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Eckernförder Zeitung

21. Oktober 2017 | 05:46 Uhr

Der Enkel und der kleine Lebensbaum

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Wie das Geschenk eines Gärtners zum Symbol für den Lebensweg eines Kindes werden kann / Guter Ausgang nach bangen Wochen

von
erstellt am 07.Sep.2013 | 06:07 Uhr

In meiner Kindheit erzählten man mir so merkwürdige Sachen was man alles nicht machen darf, um auch Glück zu haben. Besonders schön war jedoch die Sache mit dem Glücksschwein. so konnten wir in der Silvesterballnacht im Curio-Haus in Hamburg einen Schornsteinfeger mit einem echten kleinen Ferkel-Glücks-Schwein im Arm anfassen. Das sollte wirklich Glück bringen für das neue Jahr. In späteren Jahren habe ich mich von diesem Aberglauben entfernt.

Dennoch habe ich mich in eine Sache hineingesteigert. Als wir 1999 in der Pfalz bei einem Landschaftsgärtner zwei große Glanzmispeln bestellten, hatten wir unseren einjährigen Enkel dabei, und der zeigte sich mal wieder von einer ganz charmanten Seite. Der Gärtner hatte es ihm angetan, der strahlte ihn mit leuchtenden blauen Augen an, erfreut über den kleinen einjährigen Knips. Er beugte sich herab zur Kinderkarre und der Junge lächelte glücklich. Der Gärtner verschwand und kam mit einer kleinen Fichte zurück, erzählte mir und meinem Mann, dass der kleine Junge dieses Bäumchen von ihm als Geschenk erhält, denn dieses Bäumchen ist auch ein Jahr alt, das wäre also nun sein Lebensbäumchen. Er legte unserem Enkel den Topf mit der kleinen Fichte in die Hände, unser Enkel umfasste das Töpfchen und hielt es ganz fest.

Als die Gartenfirma mit den bestellten Bäumen die erforderlichen Arbeiten verrichtete, wurde auch die Fichte an einem schönen Platz eingesetzt. im Winter habe ich sie mit einem Vlies vor dem Frost geschützt, und sie Wuchs mit dem Jungen heran. Nach sieben Jahren zogen wir alle nach Eckernförde. die Fichte wurde fachgerecht in einen großen Topf verpflanzt und stand dann einen Winter auf unserem Balkon. Nach einem Jahr bekam sie einen schönen Platz an der Seite des großen Grundstücks. jedoch etwas abseits von unserem kleinen Wäldchen. Zu der Zeit arbeitete ich noch sehr viel im Garten, unser damaliger Gärtner nahm das nicht so genau. Wir waren es anders gewohnt, und so ich hatte die Fichte immer „im Auge“. Der Junge wuchs heran, die Fichte auch, sie waren wirklich all die Jahre gleich groß und beide schön anzusehen.

Anfang 2012 bemerkte ich, dass die Nadeln der schönen Fichte innen am Stamm braun wurden. Als die Chefin unserer neuen Gartenfirma turnusmäßig eine Besichtigung machte, zeigte ich ihr sehr besorgt den Baum. sie wollte mir nach einer Begutachtung einen besonderen Dünger mitbringen. Bis zum Sommer 2012 wurde also speziell gedüngt, aber die braunen Nadeln nahmen zu. Der Lebensbaurn unseres Enkels, ich hatte große Angst um ihn und wieder auch vermehrt schlaflose Nächte.

Die Ängste durfte ich meiner Familie nicht erzählen, die Gärtnerin brachte mir einen Dünger-Cocktail, den sie sich hat mischen lassen für einen alten Baum, den sie unbedingt retten wollte. Wenn ich an die Fichte dachte, hörte ich die Stimme des Gärtners: „Passen Sie gut auf das Bäumchen auf“. Meine Ängste waren allerdings durchaus begründet. Seit fünf Jahren wussten wir um ein Herzproblem unseres Enkels. Jedes Jahr wurde er untersucht, aber der Zeitpunkt für eine Herz-OP war auf Grund der Messungen noch nicht gegeben.

Es war schon eine schwierige Zeit und unserer Tochter konnte ich auf keinen Fall die Geschichte der Fichte erzählen. Im Winter 2012 gab es einen ernsten Vorfall und Rettungssanitäter brachten den Jungen in Hamburg ins Krankenhaus damit und endlich hatten wir nun exakte Messungen. Mit dem Bericht konnte meine Tochter einen Operationstermin bekommen. Der Herzprofessor in Kiel machte für Anfang des Jahres 2013 einen Termin, endlich würde dem Jungen diese Last genommen, nicht nur die Last, sondern auch die Ängste. Endlich war es soweit, zuversichtlich fuhren Mutter und Sohn nach Kiel zur stationären Aufnahme. Mit der neuen Operationsmethode würde der Herr Professor den Defekt im Herzen hundertprozentig finden. Endlich kam der Anruf aus Kiel, alles war gut, die Operation erfolgreich beendet.

Tränen der Erleichterung, und mit unserem lieben, alten Hund Daisy besuchte ich die große Fichte am 18. Januar. Der Schnee hatte die Zweige in einen Märchenwald verwandelt, die braunen Nadeln waren nicht zu sehen. Endlich war der Junge wieder zu Hause und konnte nach einigen Tagen auch wieder zur Schule gehen. Am 18. April bekam ich eine ganz junge schwarze Hündin, und mit ihr machte ich einen Besuch bei der Fichte. Ich konnte es kaum glauben: Sie grünte, überall grüne Spitzen! Die ganz neue Spitze war circa 20 Zentimeter hoch und grün. Nun wusste ich, alles ist gut so, wie es ist.

Abends sagte ich zu meinem Mann: „Wie gut, dass ich nicht abergläubisch bin!“ Es war ein neues Leben, das vor mir lag: Mein Mann zu Hause. Daisy von ihren Schmerzen erlöst, der Junge gesund und bei seiner Mama zu Hause, ein neues Hundemädchen an meiner Seite, und die Fichte ist sofort nur der Baum aus der Kinderzeit meines Enkels.

Das Leben ist schön.


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