#Déjá-vu oder: Es bewegt sich was

Roter Faden der Frauenbewegung von den 1968ern bis zur aktuellen „MeToo“-Debatte.
Roter Faden der Frauenbewegung von den 1968ern bis zur aktuellen „MeToo“-Debatte.

Offene und persönliche Worte über den nicht immer vorbildlichen Umgang zwischen Männern und Frauen

shz.de von
07. März 2018, 06:59 Uhr

Das Leben hat mich gelehrt, dass unangenehme Erfahrungen, die ich unterdrücke, mich immer wieder einholen. Bis ich mich ihnen zuwende. Angesichts der wieder aufgeflammten Debatte über den Umgang zwischen Männern und Frauen, gilt dies offenbar auch für seit Jahren ignorierte Vorkommnisse in unserer Gesellschaft. Einerseits ist es ermüdend, wieder und wieder die gleichen Diskussionen zu führen. Anderseits gibt es zu denken, dass sie nun von einer der Emanzipationsbewegung der ’68er nachfolgenden Generation aufgegriffen werden.

Das macht deutlich – in manchen Köpfen halten sich weiterhin hartnäckig bestimmte, uns alle schädigende Vorstellungen. In den zurückliegenden 50 Jahren gab es eine positive Entwicklung und weitreichende Veränderungen. Die Erkenntnis, dass es nicht um einen Geschlechterkampf, sondern um ein verantwortungsbewusstes und achtsames Miteinander geht, dürfte inzwischen gewachsen sein.

Dennoch leben unter uns offensichtlich noch „Dinosaurier“, denen entgangen ist, dass die Welt sich weitergedreht hat. Es geht nicht nur darum, uns Frauen bestimmte Rechte als selbstverständlich zuzugestehen. Sicher ist, dass das Verweigern dieser Rechte tiefgreifenden Einfluss auf alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft hat.

Äußerungen von Trump waren zu Beginn seiner Amtszeit weltweit Auslöser der Women’s-March-Bewegung. Wäre es nicht zuviel der Ehre, so ist es ihm zu verdanken, dass ein lang unterdrückter Konflikt hoch geschwemmt wurde und sich in der aktuell stattfindenden #MeToo-Debatte Gehör verschafft. Nach den ersten öffentlichen Hinweisen betroffener Frauen war unverzüglich zu hören: Ja, aber auch Frauen ... können übergriffig sein, ... machen sexistische Witze über Männer, und Ähnliches. Das stimmt sicher und soll nicht ausgeklammert werden. Ganz gleich, wer Abhängigkeiten als Machtdemonstration ausnutzt – der Missbrauch verletzt alle, die Betroffenen und selbst die, die ihn verüben. Der schlimmste Teil dieser Geschichte ist das, was Frauen und Mädchen weltweit in Kriegsgebieten angetan wird. Die spektakulären Vorfälle in der Filmindustrie bringen den Missstand in unser Bewusstsein, der Konflikt zieht immer weitere Kreise.

Indes, was ist mit den alltäglichen Übergriffen? Ein Vorgesetzter, der „väterlich“ seinen Arm um eine meist jüngere Untergebene legt, ein „freundschaftliches“ Tätscheln, verbale Doppeldeutigkeiten und Anzüglichkeiten. Kleine Grenzüberschreitungen, so nebenbei, die ein diffuses, nicht artikulierbares Unbehagen bei den Betroffenen auslösen, sie in Verlegenheit bringen. „Na ja, was ist schon dabei?“ Warum das Ganze „aufbauschen“ und das Risiko eingehen, sich unangenehmen Konsequenzen auszusetzen? Wer will schon als Spaßbremse, als verklemmt gelten. Häufig fällt der Satz: „Warum kleiden sie, die Frauen, sich auch so herausfordernd?“ Der Logik dieser Argumentation folgen bedeutet: Ein Mann in Muskelshirt und enger Jeans lädt dazu ein, dass ihm jemand in den Schritt greift.

Im Übrigen, auch ich habe ungute Erfahrungen gemacht. Blieb mir doch vor Jahren wegen der wiederholten Zudringlichkeiten meines Arbeitgebers nichts anderes übrig, als den Arbeitsplatz zu kündigen. Wie mir erging es auch meiner Vorgängerin und der Frau, die nach mir dort arbeitete.

Das Wissen darum, dass, wer andere erniedrigt oder Abhängigkeiten missbraucht, selbst ein kleiner Wicht ist, macht die Vorgänge nicht erträglicher.

Im Volksmund kursiert der Begriff „Wirtshauserotik“. Er meint die plumpen Übergriffe, denen Frauen, die in der Gastronomie arbeiten, immer wieder ausgesetzt sind. Da ist von Erotik keine Spur.
Nie vergesse ich das verblüffte Gesicht eines Mannes, der meinte, mir auf ein nicht näher benanntes Körperteil schlagen zu dürfen, und ich daraufhin das Gleiche bei ihm tat.

Ob diese Erfahrung sein Verhalten verändert hat, weiß ich nicht. Immerhin waren für einen Moment die Rollen getauscht ... und ich gebe zu, ich spürte eine gewisse Genugtuung. Damals.


zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen