Das Motiv des Wanderns in der Kunst

Jens Ferdinand Willumsen: Bergsteigerin, 1912, Öl auf Leinwand, 210 x 170,5 cm, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen© Statens Museum for Kunst, Copenhagen / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
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Jens Ferdinand Willumsen: Bergsteigerin, 1912, Öl auf Leinwand, 210 x 170,5 cm, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen© Statens Museum for Kunst, Copenhagen / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Alte Nationalgalerie in Berlin zeigt in der Sonderausstellung „Wanderlust“ eindrucksvolle Werke

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04. August 2018, 06:01 Uhr

Wer aus meiner Generation hat nicht in seiner Jugend das Lied gesungen „Das Wandern ist des Müllers Lust, das Wandern ist des Müllers Lust, das Wa-ha-ha-dern“ gesungen. Dabei war dieser Mül1er gar nicht – wie wir – zu seinem Vergnügen unterwegs, sondern aus beruflichen Gründen. Ein Müllergeselle und die Gesellen anderer Zünfte gingen einige Jahre auf die Walz, in die Fremde, um ihre Kenntnisse und Fähigkeiten in ihrem Beruf zu erweitern. Vom 16. bis 19. Jahrhundert war die Wanderzeit eine Bedingung, um Meister zu werden. Diese Wanderungen waren nicht selten mit Gefahren verbunden. Man durchquerte raue Wildnis, Räuber lauerten, Stürme drohten. Man bemühte sich deshalb, so schnell wie möglich an sein Ziel zu kommen. Niemand kam auf die Idee, eine Landschaft nur um des Wanderns willen zu durchschreiten.

Das änderte sich nachha1tig erst in der Zeit der Romantik im frühen 19. Jahrhundert. Im Zuge der sich rasant verändernden Welt durch die Industrialisierung und Revolutionen entstand plötzlich das Bedürfnis nach Entschleunigung, nach Ausstieg, nach Naturerlebnissen. Die selbstbestimmte Fußreise eröffnete eine neue, intensive Art der Naturbegegnung und eine sinnliche wie körperliche Weltaneignung, darüber hinaus auch Freiheit und Unabhängigkeit vom Alltag und bürgerlicher Norm. Reiseziele wurden mittelalterliche Städte, Kloster und Ruinen von Burgen.

Für die Kunst wurde das Wandern zu einem zentralen Thema durch das gesamte 19. Jahrhundert. Die Alte Nationalgalerie in Berlin zeigt hierzu die beeindruckende Sonderausstellung „Wanderlust“, die noch bis zum 16. September zu sehen ist. 120 Gemälde, Zeichnungen, Graphiken, Skulpturen und Bücher werden präsentiert. Bilder unberührter Landschaften am Meer, im Wald, im Gebirge, in Wald und Flur. Caspar David Friedrich, Auguste Renoir, Carl Spitzweg, Ludwig Richter, Emil Nolde, alles was Rang und Namen hatte, suchte nach Freiheit, Schönheit, Erhabenheit in der Natur. Dabei geht es aber nicht nur um die Natur, sondern auch um den Mensch als Wanderer durch das Lehen, durch die Zeit. Motive sind auch das „Spazierengehen“, das im 18. Jahrhundert zu einem beliebten bürgerlichen Ritual wurde, die von Künstlern immer wieder aufgegriffen wurde.

Frauen konnten nach und nach ihren gesellschaftlichen Spielraum erweitern. Marie Paradies bestieg 1808 als erste Frau den Mont Blanc. Die Frauenmode musste den neuen Bedürfnissen angepasst werden und zum Beispiel wetterfeste Schuhe für Frauen entwickelt.

Die Wanderlust, die damals geboren wurde, hält bis heute ungebrochen an und wurde zu einer aktiven Freizeitbetätigung zur körperlichen Erholung. Sie bietet darüber hinaus, wie einst, die Anregung, die naturwissenschaftlichen und historischen Gegebenheiten zu würdigen. Die vielen seltenen und künstlerisch hochwertigen Bilder sind inspirierend, sich selbst bald wieder zu einer Wanderung aufzumachen.

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