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Interview mit Nicholas Müller : Das Leben nach der Angst

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ex-Jupitor-Jones-Sänger sprach im Kieler Radiozentrum offen über seine Angststörung, die ihn zum Rückzug zwang / EZ-Jugendredaktion war dabei

Nicholas Müller meldet sich zurück. Der ehemalige Sänger und Frontman der deutschen Musikgruppe „Jupiter Jones“, die durch den Titel „Still“ bekannt wurde, kehrt mit seiner neuen Band „von Brücken“ wieder in die Öffentlichkeit und hat zusammen mit seinem Komponisten und Bandkollegen Tobi Schmitz sein erstes Album „Weit weg von fertig“ rausgebracht. Nicholas Müller verließ Jupiter Jones 2014 wegen einer Angststörung und zog sich zurück. Vor dem Erscheinen seines neuen Albums sprach er gemeinsam mit Tobi Schmitz im Funkhaus Kiel offen über seine Erkrankung und warum ihr Werk trotzdem voll positiver Energie steckt.

Die Fragen zu deiner Krankheit wurden mittlerweile schon sehr oft gestellt und werden vermutlich auch in Zukunft noch eine große Rolle einnehmen, deshalb zuallererst meine Frage: Wie sehr nerven diese?
Überhaupt nicht! Ich habe mich ja freiwillig gemeldet. Ich finde es sehr wichtig, dass darüber gesprochen wird, da es schon erschreckend ist, wie wenig Menschen über die häufigste psychische Erkrankung der Welt Bescheid wissen. Und da ich mich dafür nicht schäme und die Krankheit auch selber unheimlich interessant finde, spreche ich auch gerne darüber. Vor allem finde ich, dass über die Angsterkrankung wesentlich mehr Aufklärung betrieben werden muss, deshalb dürfen dazu jederzeit gerne Fragen gestellt werden.

Euer erstes Album heißt „Weit weg von fertig“, worauf bezieht sich dieser Titel? Auf die Songs, eure Band, vielleicht auch auf Persönliches?
Also der Titel soll durchaus auf das alles bezogen werden, das war aber nicht von Anfang an so gedacht. Eigentlich ist der Name eher zufällig während der Studioarbeit entstanden, als wir anhand einer Flipchart über unsere Arbeitsfortschritte feststellen mussten, dass wir noch ziemlich weit weg von fertig sind. Daraufhin sagte einer unser Musiker: „Wow, das ist doch ein guter Albentitel“ und so einfach war der Name geboren. Erst im weiteren Verlauf ist uns aufgefallen, wie sehr der Titel wirklich passt, auf persönliche Dinge, aber auch zu unserer Bandgeschichte. Unsere Platte ist zum Glück fertig geworden, ansonsten sind wir von alldem noch ziemlich weit weg.

In die ersten beiden Tracks eures Albums „Lady Angst“ und „Gold gegen Blei“ konnten wir schon reinhören, da geht es sehr viel um die Bekämpfung der Angst, aber auch um Neustart. Daher die Frage an euch beide, wenn so ein Thema im Mittelpunkt steht, setzt das viel frei oder hemmt das vielleicht auch, weil man da nicht zu nah rangehen möchte?
Zuallererst war es mir unheimlich wichtig, dass da kein Konzeptalbum draus wird. Die Angst sollte zwar besprochen werden und ihren Raum bekommen, aber ich gestehe ihr nicht zu, zu viel Platz auf dem Album oder in meinem Leben einzunehmen. Deshalb gibt es den Song „Lady Angst“, den man sich auch schon anhören kann, in der die Angst einmal komplett von A bis Z besprochen wird, aber der Rest der Songs sind sehr hoffnungsvoll und behandeln andere Themen, die mich als Texter beschäftigen, denn das ist eben nicht nur die Angst. Das ganze Album steht eigentlich im Zeichen einer Aufbruchstimmung und hat sehr viel positive Energie freigesetzt.

Kannst du mit der Erfahrung, die du nun gesammelt und erlebt hast, vielleicht auch anderen Menschen – in der Öffentlichkeit stehend oder nicht – einen Rat geben, wie sie mit einer Angststörung, die sie bei sich selber oder bei Vertrauten bemerken, umgehen können?
Auf jeden Fall! Für die meisten Angstkranken, gerade wenn sie unter akuten Panikattacken leiden, beginnt es mit einem Marsch durch die Fachmedizin, da es ja körperliche Symptome wie Herzrasen, hoher Blutdruck, Hitzewallungen, Kaltschweiß sind. Und wenn dann medizinisch abgeklärt wird, dass dem Körper nichts fehlt, sollte man den Mut haben, sich einzugestehen, dass man Angst hat. Und dann sollte man sich auch Hilfe holen, zum Beispiel durch eine Verhaltenstherapie, denn – das ist die gute Nachricht – Angst lässt sich therapieren, man muss sich eben nur trauen. Außerdem hilft es, sich den Menschen aus dem engsten Vertrautenkreis anzuvertrauen und sich auf keinen Fall für seine Krankheit zu schämen.

Nach deinem Austritt 2014 aus der Band „Jupiter Jones“, ist die Gruppe mit dem neuen Frontman und Sänger Sven Lauer unterwegs. Wie sieht euer Verhältnis jetzt, da auch ihr wieder in die Öffentlichkeit tretet, zu „Jupiter Jones“ aus?
Am Anfang sollte man dazu vielleicht ganz kurz erklären, wie viel Zeit man in einer Band einfach zusammen verbringt: wir waren 12 Jahre zusammen, wir haben zu Anfang alle in einem Zimmer geschlafen, haben alles geteilt, alles besprochen. Dementsprechend denke ich, ist es erst einmal das Gesündeste, sich ein bisschen in Ruhe zu lassen. Denn auch wenn es mich interessiert, wie es denen geht und ich ihnen auch alles Gute wünsche, wäre es doch schmerzhaft, wenn wir in ständigem Austausch stehen würden. Und auch mit Sven, einem tollen Typ, den ich selber seit Jahren kenne, haben sie einen guten Frontman gefunden und so sollen sie weitermachen.


Foto: Interview: Selma Polte

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erstellt am 14.Nov.2015 | 04:21 Uhr

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