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Eckernförder Zeitung

21. Oktober 2017 | 07:32 Uhr

Reform : Das langsame Sterben der Schulnote

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Das Bildungsministerium schlägt vor, Schulnoten bis zur achten Klasse an Gemeinschaftsschulen durch Berichtszeugnisse zu ersetzen. Die Schulleiter im Altkreis Eckernförde sind dazu geteilter Meinung.

shz.de von
erstellt am 19.Feb.2014 | 06:05 Uhr

Der jüngste Vorstoß von Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos) stößt bei den Schulen auf ein geteiltes Echo: Nach ihrem Vorschlag sollen Grundschulen keine Noten mehr vergeben, sondern nur noch Berichts- und Tabellenzeugnisse erteilen. Noten soll es dann erst ab der achten Klasse geben, allerdings nur an Gemeinschaftsschulen. Ausgenommen sind die Gymnasien. Wende ist sich mit den Bildungspolitikern der drei Regierungsfraktionen bereits einig. Das Ministerium überarbeitet derzeit die einzelnen Schulart-Verordnungen. Werden die Änderungen wie geplant umgesetzt, sind Zeugnisse mit Noten im Norden ab dem kommenden Schuljahr erst ab der achten Klasse verpflichtend. Unterstützung erhält Wende von einigen Verbänden, darunter die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), der Grundschulverband und der Kinderschutzbund. Andere Verbände wie der Philologenverband und die Interessenvertretung der Lehrkräfte sowie die Opposition in Kiel lehnen Wendes Vorhaben dagegen ab.

An den Schulen im Altkreis Eckernförde ist die Meinung geteilt.


Pro


In Eckernförde stößt die Idee größtenteils auf Gegenliebe, allen voran an den Gemeinschaftsschulen: Peter-Ustinov-Schulleiter Dirk Söhren meint, dass durch die Berichtszeugnisse ohne Noten eine differenzierte Notengebung und individuelle Förderung der Schüler möglich sei. Während eine Fünf frustriere, könne eine Schwäche in einem Gespräch mit dem Lehrer ausgemerzt werden. Die Umstellung auf das Notensystem in der 8. Klasse sei für die Jugendlichen kein Problem.

Sein Kollege von der Grund- und Gemeinschaftsschule Eckernförde, Johann-Christoph Alsen, bezeichnet das Ersetzen von Noten durch Berichtszeugnisse als „folgerichtige Idee“. Schließlich hätten die großen Wirtschaftsbetriebe längst aufgehört, auf Noten zu achten, und würden stattdessen eigene Einstellungstests anwenden, mit denen sie ein Kompetenzraster der Bewerber erstellen können. Und auch die kleineren Betriebe schauten vermehrt, inwiefern sich die Schüler als Hinweis auf ihre soziale Kompetenz im ehrenamtlichen Bereich engagieren.

Auch Andrea Eick, Schulleiterin der Gorch-Fock-Schule, begrüßt den Vorschlag des Bildungsministeriums. „Noten führen zur Frustration“, sagt sie. Da die Schule schon jetzt immer mehr individualisiere, würde das neue System besser passen.

Auch der Leiter der Offenen Ganztags-Grundschule in Barkelsby, Klaus Düllmann, hält die Aussagekraft von Ankreuzzeugnissen für genauer, um die Kompetenzen der Schüler individuell zu bewerten. Mit Noten könne man nicht so genau justieren. Zugleich sei es leichter, die Schüler zu motivieren und ihre Fähigkeiten exakter zu beschreiben.

Dem schließt sich Ulrich Barkholz, Leiter der Schleischule Rieseby, an. Noten seien ein schlechtes Mittel, um integrativ dem Wunsch nach Fördern und Fordern nachzukommen. Jedoch müssten Eltern und Schüler mit den neuen Berichtszeugnissen vertraut gemacht werden, um die Aussagekraft der Bewertung zu verstehen.

Das derzeitige Hin und Her bei der Benotung sei eher verwirrend für die Kinder, meint Regina Jansen, Leiterin der Grundschule Fleckeby. In der dritten und vierten Klasse gibt es Noten, auf der Gemeinschaftsschule dann wiederum nicht. Eine Schulzeit bis zur achten Klasse ganz ohne Noten sei durchaus sinnvoll.


Contra


Aber nicht überall stößt die Idee der Bildungsministerin auf Gegenliebe. Besonders die Eindeutigkeit der Noten wird immer wieder hervorgehoben: An der Fritz-Reuter-Schule in Eckernförde zum Beispiel ist der kommissarische Schulleiter Simon Steinmetz der Meinung, dass eine Note von den Schülern besser wahrgenommen wird als eine Beurteilung in Textform.

Und von den Eltern: Anke Voermann, Rektorin der Grundschule Hüttener Berge, weiß, dass es oftmals sie sind, die mit Noten mehr anfangen können. „Sie wollen wissen: Wo steht mein Kind?“. Aber letztlich müssten auch das Arbeitsverhalten oder die Belastbarkeit eines Kindes berücksichtigt werden, wenn es um die Frage der weiteren Schule gehe.

Auch für Sabine Weber, Leiterin der Grundschule Mittelschwansen in Waabs, und Inka Gorecki, Leiterin der Grundschule Karby, sind Noten eindeutiger als Bewertungszeugnisse. Eltern wie Schüler würden mit Noten mehr anfangen können. „Eltern wissen, wenn sie in engem Kontakt zu den Lehrern stehen, wie sich Noten bilden und welche Fähigkeiten ihre Kinder haben“, sagt Sabine Weber. Und Inka Gorecki weist auf die Gesellschaft hin, in der Leistung gefordert werde. „Man hilft Kindern nicht, wenn man darauf verzichtet.“ Besonders weil auch Eltern Bewertungszeugnisse anders interpretieren könnten als die Lehrer.

Als sehr bedauerlich empfindet Marion Burkhart, Leiterin der Isarnwohld-Schule Gettorf, in welche Richtung Waltraut Wende denkt. „Wenn Noten mit Herz und Verstand gegeben werden, ist auch eine Ziffer aussagekräftig“, ist Burkhart überzeugt. Für den Schüler selbst sei es wichtig, zusammenfassend mit einer Zahl beurteilt zu werden. Die steht an der Isarnwohld-Schule nicht allein, sondern wird vier Mal im Jahr – im November, Januar, April und Juli – von den Lehrern erläutert. Burkhart: „Jeder Schüler hat ein Recht, über den Leistungsstand informiert zu sein. Das ist nicht auf die Note beschränkt.“

Dr. Peter Wenners, Rektor des Gymnasiums Altenholz, ist mit seiner Schulform zwar von der angedachten Neuregelung bisher nicht betroffen, hält Noten jedoch für die Orientierung über die eigene Leistungsfähigkeit für wichtig. Auch an seiner Schule gibt es dazu Erläuterungen zum Lernverhalten mit Hinweisen, was verbessert werden kann, vier Mal im Schuljahr erhält jeder Schüler Rückkopplung auf seine Leistungen. Da Universitäten und berufsbildende Bereiche bei Noten bleiben werden, hält Wenners es nicht für korrekt, die Benotung aus der Schule herauszunehmen. In der Oberstufe sei die mit der Vergabe von Punkten (1 bis 15) sogar wesentlich differenzierte als bei Noten von 1 bis 6. Zudem gucke das Ministerium selbst bei Bewerbern für den Schuldienst auf die Note, ebenso bei Beförderungen und Stellenbesetzungen. Da sei es verlogen, die Schulnote aus dem Schulzeugnis auszuklammern, meint Wenners.

Thomas Haß, Leiter der benachbarten Regionalschule Altenholz, geht davon aus das die Schulkonferenz vom Angebot der Bildungsministerin Gebrauch mache wird, per Beschluss weiter an Noten festzuhalten. „Das führt zu größerer Klarheit, die Schüler und Eltern fordern“, sagt Haß. Mit jedem Zeugnis erhalten die Schüler der Regionalschule zudme ein Kompetenzraster. „Das möchten wir so beibehalten“, so Haß, für den sich durch Wendes Vorstoß vorallem die Frage stellt, wie das Ministerium die Vergleichsarbeiten in Klassenstufe 3 und 8 ohne Noten auswerten will.

Bezogen auf die Grundschule sei ein Verzicht auf Noten nicht so schlecht – „aber die Gesellschaft ist noch nicht so weit, damit umzugehen“, meint Gesa Meißner, Leiterin der Grundschule in Dänischenhagen.  Dafür brauche es die Bereitschaft der Eltern zu einer vertrauenswürdigen Zusammenarbeit mit den Lehrern, die heute schnell in der Kritik stünden. Die Kinder müssten darauf vorbereitet werden. Meißner: „Sie sind in diesem System groß geworden, sie möchten Noten haben, zumindest wenn sie gut sind.“ Sind sie es nicht, seien die von Wende angedachten Beurteilungen für manche Eltern nicht deutlich genug. Dass jede Schule per Konferenzbeschluss von der Vorgabe abweichen kann, ist für Gesa Meißner ein Schwachpunkt. „Es ist schlecht, wenn man keine einheitliche Regelung hat“, findet sie. Darüber hinaus vermisst sie, dass die Bildungsministerin einmal ihr Verständnis von Bildung erläutert, welche Funktion sie für Schule, welche sie für die Eltern sieht. Bisher werde das nicht kommuniziert, so Meißner.

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