Saatzucht Saka : Das Kartoffelherz pulsiert in Windeby

Kartz von Kameke und sein Sohn Leo haben sich zum Ziel gesetzt, zukunftsfähige und ertragsstarke Kartoffelsorten zu züchten und anzubieten.
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Kartz von Kameke und sein Sohn Leo haben sich zum Ziel gesetzt, zukunftsfähige und ertragsstarke Kartoffelsorten zu züchten und anzubieten.

Das Familienunternehmen Saka Pflanzenzucht feiert am 12. Juli das 70-jährige Bestehen seiner Zuchtstation in Windeby.

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11. Juli 2018, 06:21 Uhr

Windeby | Sie haben klangvolle Namen: Amanda, Campina, Figaro, Labella oder Baby Lou. Das sind nur ein paar Namen aus dem Sortenkatalog der Saatzucht von Kameke. Sie sind festkochend oder mehlig, frühreif oder spät, haben eine rote Schale oder typisch gelb. Ob als frisch zubereitete Beilage, als Kartoffelsalat beim Grillen oder als Pommes Frites oder Chips – die Vielfalt der Kartoffeln ist groß.

Die Geschichte der Saatzucht von Kameke ist über 100 Jahre alt. Seit 70 Jahren hat das Familienunternehmen seinen Sitz in Windeby. Mit einer Feier und rund 300 geladenen Gästen soll dieses Jubiläum am Donnerstag, 12. Juli, gefeiert werden. Heute ist die von Kameke-Gruppe ein traditionsreiches, unabhängiges Unternehmen mit rund 220 Mitarbeitern weltweit.

Einen klassischen landwirtschaftlichen Betrieb mit Kuh-, Schwein- und Pferdeställen fand Dobimar von Kameke vor 70 Jahren in Windeby vor. Dennoch waren es optimale Bedingungen für die Leidenschaft, die schon sein Großvater Kartz von Kameke antrieb – die Kartoffelzucht. „Wind, eine kühle Witterung, das hält Blattläuse ab“, beschreibt Dobimars Sohn Kartz von Kameke das hervorragende Klima. Diese so genannte Gesundlage, die gebe es nur selten in Deutschland, betont der 74-Jährige, der 1985 nach dem Tod seines Vaters das Familienunternehmen, die Saatzucht von Kameke, übernahm. 1905 hatte sein Großvater die Saatzucht im pommerschen Streckenthin (Kreis Köslin) gegründet. Nach der Enteignung musste die Familien fliehen, der Besitz, Landwirtschaft und Saatgut waren verloren.

Doch die Kamekes gaben nicht auf. Im niedersächsischen Böstlingen wurden die Züchtungsaktivitäten wieder aufgenommen und die Saatzucht von Kameke-Streckenthin neu aufgebaut, bevor 1948 die Windeby-Flächen für die Zucht gepachtet wurden. „Mein Vater hat 1948 wieder fast bei Null angefangen“, erzählt Kartz von Kameke. Eine alte Wehrmachtsbaracke diente damals als Lagerraum, als Labor und auch als Wohnhaus für die Mitarbeiter. Ganz einfache Verhältnisse eben. In den folgenden Jahren wurde das Unternehmen weiter ausgebaut. Es entstanden Gewächshäuser, Büroräume, Labore und Forschungsabteilungen. Ende der 90er Jahre waren die Erweiterungen weitgehend abgeschlossen. 2006 wurde dann die Biogasanlage gebaut, die die Gewächshäuser und Trocknung mit Wärme versorgt und auch ein Blockheizkraftwerk im Eckernförder Wohngebiet Schiefkoppel antreibt, seit 2011 wird noch Strom und Gas produziert. Jüngster Anbau ist die Maschinenhalle, die 2012 errichtet wurde, und der Ausbau der Gerstenscheune auf dem Gut.

Vor dem Krieg züchteten die von Kamekes auch Klee und Getreide, später galt das Augenmerk allein der Kartoffel. Die Kartoffel liefert sehr viele Kalorien pro Flächeneinheit, was sie vor dem Hintergrund knapper Wasser- und Bodenressourcen besonders wertvoll macht, gerade im Hinblick auf den Hunger in der Welt. „Die Kartoffel hat einen hohen Stellenwert auf dem Weltmarkt“, sagt Leo von Kameke. Der 32 Jahre alte Sohn des Firmenchefs ist seit vier Jahren im Betrieb, verantwortlich für die Landwirtschaft. Zuvor hat er mehrere Jahre in England studiert und gearbeitet. Als Agrarökonom soll er mehr und mehr Verantwortung übernehmen, und dann die Saatzucht von seinem Vater übernehmen.

Gerade in den Entwicklungsländern steigt der Anbau der Knolle, vor allem aber auch in Russland und China. Während andere Pflanzen wie Reis oder Weizen viel Wasser benötigen, ist die Kartoffel da verhältnismäßig genügsam und braucht vor allem wenig Zeit, um zu reifen. „Frühkartoffeln werden im April, Mai gepflanzt, etwa 100 Tage später werden sie geerntet. Getreide brauche dafür Monate. Auch deshalb sehen Vater und Sohn in der Kartoffel einen „Rettungsanker“ für die Weltbevölkerung in ihrem Kampf gegen den Hunger.

Etwa 100 verschiedene Sorten hat die Saka Pflanzenzucht auf den Markt gebracht, vermarktet werden sie weltweit von der Firma Solana, die 1987 gegründet wurde. Der Weg zu einer neuen Sorte ist aber mühsam und erfordert vor allem Geduld. „Von der Kreuzung bis zur Zulassung dauert es etwa zehn Jahre“, sagt Leo von Kameke. Doch die härteste Prüfung erwartet die Züchter am Schluss: die Zulassung durch das Bundessortenamt. Von ihm hängt ab, ob die neue Kreation jemals auf einem Acker angebaut werden darf.

Wer die Zulassung für eine neue Sorte erhalten will, muss nachweisen, dass sie gegenüber den bestehenden in einer Eigenschaft, beispielsweise Krankheitsresistenzen oder Ertrag einen Mehrwert bietet. „Und auch dann ist längst nicht sicher, ob die Sorte auch Erfolg hat“, betont Kartz vom Kameke. Jedes Land hat seine besonderen Vorlieben, was den Kartoffelgenuss angeht. „Die Engländer bevorzugen Knollen mit weißem Fleisch“, so der 74-Jährige. Damit dürfe man den Deutschen nicht kommen, sie wollten gelbfleischige Kartoffeln. Neueste Züchtung bei Kameke ist die kleine „Baby Lou“. Die meisten Pflanzen haben einen Ansatz von 15 bis 20 Knollen, bei „Baby Lou“ sind es etwa 40. Auch der Name der Sorte kann Einfluss auf den Erfolg haben. Im Team werde dieser diskutiert, auch der ausländische Markt müsse dabei beachtet werden. Schnell könne ein Name dort als Schimpfwort gelten. Beispielsweise blieb ein Erfolg der Sorte Natascha in der Türkei aus, dort heißt „Natascha“ so viel wie „leichtes Mädchen“

Über 1200 Hektar Flächen bewirtschaftet von Kameke in Windeby. Davon werden auf rund 60 Hektar die Kartoffeln vermehrt, die Zuchtgärten befinden sich auf weiteren 40 Hektar. Auf den anderen Flächen wird eine gemischte Fruchtfolge über sechs Jahre betrieben. „So hat der Boden Zeit, sich zu erholen und der Krankheitsdruck wird reduziert“, sagt Leo von Kameke.

Künftige Investitionen hängen auch von politischen Entscheidungen ab, sagen Vater und Sohn. Gemeint ist die Entscheidung der EU über den Umgang mit der so genannten „Gen-Schere“. Mit dieser Methode könnten schneller und gezielter Resistenzgene aus Wildkartoffeln in moderne Sorten übertragen werden. So wollen Wissenschaftler viel schneller Pflanzen finden, die Dürren, Stürmen und Klimaschwankungen trotzen. Theoretisch könnten diese Genveränderungen auch in der Natur entstehen oder als Ergebnis einer klassischen Züchtung. Die Frage sei nun, ob die EU diese Züchtungsmethode als konventionelle Züchtung oder als Gentechnik bewertet. „Wir werden diese Methoden brauchen“, ist Kartz von Kameke überzeugt. In den USA oder China würden die großen Konzerne bereits ihren Standortvorteil nutzen und mit Hilfe der „Gen-Schere“ verbesserte Produkte auf den Markt bringen. „Die jetzige Situation ist ein echter Wettbewerbsnachteil für die Pflanzenzucht in Deutschland“, sagt Leo von Kameke, zudem biete diese Methode die Möglichkeit, den wachsenden Hunger der Weltbevölkerung zu stillen.

>www.solana.de

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