Integration : Das Handwerk als neue Heimat

Die Handgriffe sitzen - Hamed (vorn) und Gero Graf von Gersdorff an der Format-Kreissäge.
Die Handgriffe sitzen - Hamed (vorn) und Gero Graf von Gersdorff an der Format-Kreissäge.

Hamed (24) kam vor rund zwei Jahren aus dem Iran nach Deutschland – inzwischen arbeitet er in einer Gettorfer Tischlerwerkstatt.

shz.de von
04. Januar 2018, 06:10 Uhr

Gettorf | Hamed ist 24 Jahre alt, kommt ursprünglich aus dem Iran und lebt seit September 2015 in Deutschland. Über Düsseldorf kam er vor mehr als zwei Jahren nach Gettorf. Der freundliche junge Mann floh aus seinem Heimatland, nachdem er zum Christentum übergetreten war. Im Land der Ajatollahs ist das lebensgefährlich. Zwar wird die kleine alt eingesessene christliche Minderheit im Iran geduldet, Hamed kommt aber aus einer muslimischen Familie. Wer vom Islam zum Christentum konvertiert, muss um sein Leben fürchten.
Hamed hat sich früh um einen Praktikumsplatz bemüht. Denn er ist nicht der Typ, der zu Hause sitzen und von der Unterstützung des Staates leben will. Zum einen ist er seinem neuen Heimatland dankbar, dass es ihm Schutz gewährt und die Chance für ein neues Leben in Freiheit bietet. Er will etwas zurückgeben von dem, was er hier an Unterstützung erfahren hat. Anderseits will er sich hier ein neues Leben aufbauen, sich integrieren, eine Familie gründen. Bereits im Iran hat er einige Jahre auf dem Bau gearbeitet. Die Spezialisierung auf verschiedene Gewerke, wie sie in Deutschland üblich ist, ist im Iran jedoch unbekannt, ebenso wie das deutsche System der dualen Berufsausbildung. Es gibt dort Teams, die alle Arbeiten am Bau ausführen. So hat Hamed im Iran Zimmermanns-, Dachdecker- und Malerarbeiten ausgeführt. Die Arbeit mit Holz liegt ihm dabei besonders. Was lag also näher, als sich zunächst um einen Praktikumsplatz in einem entsprechenden Handwerk zu bewerben, aus dem dann hoffentlich mehr wird – ein Ausbildungsplatz und später hoffentlich ein Arbeitsplatz. Das erste Mal stand er zusammen mit Pastor Boysen bei der Gettorfer Baufirma Christian Jöhnk bereits in der Tür, da war sein Asylantrag noch nicht entschieden. Ohne Anerkennung als Asylbewerber war ein Praktikum jedoch nicht möglich. Auch reichten die Sprachkenntnisse damals noch nicht aus. „Wir arbeiten mit gefährlichen Maschinen. Da muss er seine Kollegen verstehen können“, sagt sein jetziger Chef Gero Graf von Gersdorff.
Hamed machte also zunächst seinen Sprachkurs zu Ende. Inzwischen kann er sich im Alltag gut verständigen. Den ehrgeizigen jungen Mann hat beim Sprachkurs gestört, dass die Kursteilnehmer in den Pausen vor allem englisch statt deutsch gesprochen hätten. Gelegenheit zum Deutschlernen außerhalb des Kurses gab und gibt es in der Kirchengemeinde. Hier ist er ehrenamtlich bei den Pfadfindern aktiv. Und jetzt natürlich in der Firma.
Vor einem Jahr hatte Hamed dann endlich seine Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge und wurde wenig später anerkannt. Damit darf er dauerhaft in Deutschland bleiben. Vor circa sieben Monaten begann er ein Praktikum in der Tischlerwerkstatt der Firma Jöhnk und konnte nach dem Praktikum bleiben. Gero Graf von Gersdorff ist es wichtig zu sagen, dass Hamed seinen Arbeitsplatz nicht hat, weil der Pastor ihn darum gebeten hat. „Pastor Boysen hat die Tür geöffnet, aber Hamed ist selbst hindurch gegangen. Ich habe ihn eingestellt, weil er gut ist und weil ich ihm vertrauen kann.“ Handwerker, die zupacken können, die die nötigen handwerklichen Fähigkeiten ebenso mitbringen wie die erforderlichen sozialen Kompetenzen, gibt es nicht im Überfluss. Hamed bringt alle diese Voraussetzungen mit. Der Chef ist zufrieden mit ihm und Hamed arbeitet gerne in der Firma. „Er macht sich sehr gut. Manchmal müssen wir ihn ein wenig bremsen“, sagt Graf von Gersdorff. Zunächst arbeitet Hamed als angelernter Tischler in der Firma. Die Fertigung von Türen und Fenstern und die anschließende Montage beim Kunden stehen derzeit auf seinem Arbeitsprogramm. Vielleicht macht er später eine reguläre Tischlerlehre. Im Moment reichen Hameds Sprachkenntnisse noch nicht für die Berufsschule. Für unfallfreies Arbeiten allerding schon. „Noch sind alle Finger dran“, scherzt Hameds Chef.
Demnächst wird Hamed seinen Führerschein machen. Dann kann er auch selbstständig zu den Kunden fahren. Weil die Firma von Hameds Führerschein profitieren wird, will die die Hälfte der Kosten übernehmen. Gero Graf von Gersdorff legt Wert darauf, dass er seinem Mitarbeiter nichts schenkt, sondern ihm lediglich Hilfe zur Selbsthilfe gibt. „Hamed ist ein guter Mitarbeiter. Wichtig ist, dass er sich hier sein Leben aufbauen kann.“

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