Dienstags-Interview : „Das ganze Stadtbild kann sich ändern“

Service, Auswahl und Ambiente sind für Dirk Schreiber wichtige Aspekte, um gegen den Online-Handel zu bestehen.
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Service, Auswahl und Ambiente sind für Dirk Schreiber wichtige Aspekte, um gegen den Online-Handel zu bestehen.

Dirk Schreiber über die Auswirkungen des Online-Einkaufs auf den lokalen Einzelhandel

shz.de von
13. Februar 2018, 06:05 Uhr

Eckernförde | Der Online-Handel macht den lokalen Einzelhändlern immer mehr zu schaffen. Auch Dirk Schreiber von Spielzeug Carstensen spürt das. Der 50-Jährige hält mit seinem Spielzeugwaren-Geschäft 18 000 Artikel vor und garantiert somit eine Grundversorgung vom Teddy bis zum ferngesteuerten Quadrocopter.

Herr Schreiber, wie wirkt sich der Trend des zunehmenden Online-Einkaufs auf den stationären Einzelhandel konkret aus?

Jahrelang sind die Umsätze deutlich im zweistelligen Bereich zurückgegangen. Im Moment ist das nicht mehr ganz so stark. Es scheint ein gewisser Sättigungsgrad im Online-Handel erreicht zu sein.

Lässt es sich belegen, dass der Umsatzrückgang auf den Online-Handel zurückzuführen ist?

Das ist natürlich schwierig. Mit Sicherheit ist auch ein bisschen Stadtentwicklung dabei, besonders die Parkplatzsituation. Die Kunden entscheiden mit den Füßen, wo sie einkaufen gehen, und sie werden zunehmend bequemer.

Welche Folgen, außer dem Umsatzrückgang, hat der Online-Handel noch?

Das ganze Stadtbild kann sich ändern: Die kleinen, inhabergeführten Geschäfte können mit dem preisgünstigeren Online-Angebot nicht mehr konkurrieren und müssen schließen, nur die großen Geschäfte mit ihren Filialen können sich behaupten. Damit würde die Innenstadt zunehmend unattraktiv werden. Da muss ich leider schon Veränderungen feststellen. So haben wir zunehmend Ess-Angebote, und der Anteil der Filialisten hat zugenommen. Die Gleichheit zu anderen Städten ist enorm gestiegen. Eckernförde steht zwar noch relativ gut da, aber die Tendenz eines abnehmenden Branchenmixes ist erkennbar.

Gründe für den Online-Einkauf sind Bequemlichkeit, Preis ...

... und Verfügbarkeit. Die Leute konsumieren mittlerweile anders. Es ist alles überall rund um die Uhr verfügbar. Deshalb können wir den Online-Handel nicht mehr wegdenken.

Aber was kann der Einzelhandel in dieser Konkurrenzsituation bringen?

Wir müssen mit Service, Auswahl und Ambiente punkten. Manchmal kommen Kunden ins Geschäft, die schon zwei Stunden lang versucht haben, sich online zu informieren, welches ferngesteuerte Auto sie kaufen sollen. Im Beratungsgespräch haben sie nach fünf bis zehn Minuten schon die Antwort. Mit etwas Glück kommt derjenige beim nächsten Mal gleich in den Laden.

Was das Ambiente angeht, ist Depot ein gutes Beispiel: Das Geschäft lebt von seinem Konzept, dem Kunden durch Präsentation die Ware schmackhaft zu machen. Ich glaube, dass dort Kunden jedes zweite Produkt nicht mit einer festen Kaufabsicht mitnehmen. Der Einzelhandel muss sich also permanent anpassen: Welche Waren laden dazu ein, spontan durch Anfassen und Fühlen gekauft zu werden?

Auf der anderen Seite gibt es Produkte, die prädestiniert sind für den Online-Handel, weil eine geringe Handels-Marge das permanente Vorhalten nicht rechtfertigt. Da stellt sich die Frage, ob es sich noch lohnt, sie überhaupt zu führen, gerade wenn sie beratungsintensiv sind oder Reklamationen hinzukommen. Das bindet viel Zeit.

Aber das ist ja gerade der Service, mit dem der Einzelhandel punkten kann.

Sicherlich, aber als Kaufmann muss man auch rechnen. Wenn man eine Stunde braucht, um ein Produkt zu verkaufen, und verdient nur fünf Euro daran, fragt man sich schon, ob man das Produkt noch führen soll.

Ein Erlebnis aus eigener Erfahrung: Ich wollte eine Jacke beim Einzelhändler kaufen, der sie selbst nach drei Wochen nicht in der richtigen Größe beschaffen konnte. Im Online-Handel wäre sie schon am nächsten Tag da. Warum ist der Einzelhandel da so schläfrig?

Da gebe ich Ihnen recht: Im Bereich Handel müssen neue Konzepte her, was die Warenverfügbarkeit betrifft. Oft müssen Händler bei Lieferanten Sammelbestellungen ab einem bestimmten Warenwert aufgeben. Bei einer kleineren Menge nehmen sie einen Mindermengenaufschlag plus Porto. Das lohnt sich nicht. Auch die Lieferanten müssen deshalb umdenken und flexibler werden. Und auch ihr Konditionssystem überdenken, damit solche großen Preisdifferenzen wie zwischen Internet und Einzelhandel gar nicht mehr entstehen. Aber viele Lieferanten operieren nach dem System: Wer viel Umsatz macht, erhält viel Rabatt und umgekehrt. Auch da muss ein Umdenken stattfinden.

Was können denn die Händler selbst machen, um den Branchenmix aufrecht zu erhalten?

Ich denke, dass sich Händler mit einem breiten Warenangebot nicht mehr halten können. Sie werden sich wahrscheinlich in bestimmten Bereichen spezialisieren müssen. Stichwort Jack Wolfskin. Der Laden hat nur die eine Marke, aber dafür auch alle Produkte von ihr. Der Kunde hat eine 100-prozentige Warenverfügbarkeit in allen Größen.

Das ist bei Ihnen aber schwierig.

Ja, weil ich viele Lieferanten habe. Ich gewähre in gewisser Hinsicht als Vollsortimenter eine Spielwaren-Grundversorgung für Eckernförde, aber in Zukunft werde ich auch den einen oder anderen Lieferanten rausnehmen müssen, weil es sich für mich nicht lohnt.

Gibt es nicht die Möglichkeit, Einzel- und Onlinehandel zu kombinieren, so dass jeder Einzelhändler auch einen Online-Shop hat?

Das ist auch eine Idee. Wir bekommen zum Beispiel noch in diesem Jahr ein neues Warenwirtschaftssystem mit Verknüpfung zu digitalen Schnittstellen, so dass der Kunde online abfragen kann, was im Geschäft zu welchen Preisen vorhanden ist. Dann kann der Kunde online bestellen, und wir bringen die Ware am Abend vorbei. Das hat es übrigens in meinen Anfängen in ähnlicher Weise schon gegeben: Die Kunden waren tagsüber im Laden, und noch am selben Abend haben wir die Ware geliefert. Das ist irgendwie aus der Mode gekommen, könnte jetzt aber wieder interessant werden.

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