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„Frau Clara“ und „Barbarossa“ : Das bewegte Leben zweier Häuser

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Das „Barbarossa“ ist schon abgerissen, die „Frau Clara“ folgt. Die Vorgänger der Kneipen waren unter anderem ein Adelshof, das Stadt-Café und eine Limonadenfabrik.

Eckernförde | Mit dem Abriss des ehemaligen „Stadt-Café“ und anschließenden „Barbarossa“ hat die Frau-Clara-Straße ein Wahrzeichen mit langer Geschichte verloren. Das genaue Baujahr des Hauses mit der Nummer 4 ist nicht bekannt, nach der Volkszählungsliste von 1769 jedoch war ein Joh. Vol. Meyer, Buchhalter der Firma Otte, Besitzer des ehemaligen Adelshofes, der zumindest in Teilen der Kaufmannsfamilie Otte gehört haben muss. Auf dem damals mit den anliegenden Grundstücken verbundenen Areal standen Wohnhaus, Ställe, Remisen und ein Speicher, ebenso ein Garten- und Hofraum. Im Jahr 1895 kaufte Carl Schütt, Bäcker und Konditor, das Haus und gründete das „Stadt-Café“, das von mehreren Nachfolgern weiter betrieben wurde, bis Johannes Rehse das Café 1928 übernahm. Er betrieb zusätzlich eine Konditorei, eine Bar, eine Kegelbahn und einen Saal inklusive hauseigener dreiköpfiger Kapelle, die regelmäßig zum Tanz aufspielte. Bis zu 30 Angestellte waren hier beschäftigt, darunter noch ein „Hausdiener“ und eine „Mamsell“ (Köchin).

Nach dem Krieg durch die britische Besatzungsmacht akquiriert, diente das Gebäude unter anderem als Sergeantenclub. Im Anschluss nahm das „Stadt-Café“ wieder seinen Betrieb auf, Mitte der 50er Jahre wurde daraus dann ein Nachtclub, in den 60er Jahren zog die Diskothek „Starpalast“, 1986 dann die Pizzeria „Barbarossa“ ein. Nach einem Großbrand im November 1996 musste das Gebäude renoviert und umgebaut werden. 2013 wurde das Restaurant jedoch geschlossen und das Gebäude, das bis dahin Eigentum von Johannes Rehses Tochter Ilse Mertin und später ihren Söhnen Klaus und Rolf Erben war, verkauft. Seither stand das Haus leer. Neuer Besitzer des Gebäudes ist das Ehepaar Andrea und Iwer Jensen aus Neudorf-Bornstein. Der Bauantrag für einen Neubau liegt seit längerem vor, ist aber wegen des laufenden Änderungsverfahrens für den Bebauungsplan für das Gebiet vorerst zurückgestellt worden. Im Juli wurde das ehemalige „Stadt-Café“ abgerissen.

In unmittelbarer Nachbarschaft blüht dem „Frau-Clara“-Haus mit der Nummer 8 dasselbe Schicksal. In der Volkszählungsliste von 1769 gibt es keinen Eintrag – wahrscheinlich wurde das Haus später errichtet. Vermutlich standen hier aber Ställe und Wirtschaftsgebäude des schon zuvor erwähnten ehemaligen Adelshofes der Familie Otte. Bekannt ist, dass Ernst Jessen hier seit 1869 eine Mineralwasser- und Limonadenfabrik betrieb. 1903 ergänzte sein Sohn Karl, genannt „Wassermann“, den Betrieb um einen Bierverlag (Getränkehandel). 1951 übergab er den Betrieb seinem Sohn Ernst, in den folgenden Jahren war in den Räumen eine Gaststätte untergebracht. 1985 öffnete die Szenekneipe „Frau Clara“ hier ihre Türen – ein Treffpunkt für Kunstschaffende sowie die Studenten der Bauschule. Hier wurden unter anderem Themenabende etwa unter dem Motto „20er Jahre“ veranstaltet, bei denen die Gäste in entsprechender Kleidung erschienen und originalgetreue Musik hörten oder machten. Im Laufe der Jahre mauserte sich „Frau Clara“ zur beliebten Kultkneipe, in der nicht nur Schüler und Studenten die Abendstunden feuchtfröhlich verlebten.

Nach einem Besitzerwechsel sollte die „Frau Clara“ renoviert werden, doch nach Aussage Björn Gallenkamps, der das Gebäude zusammen mit Anja Niemann-Remin im Jahr 2014 gekauft hat, ist die Bausubstanz so marode, dass sich eine Sanierung nicht lohnt. Deshalb soll ein Abriss mit anschließendem Neubau erfolgen. „Wir wollen keine große Baulücke entstehen lassen, sondern gleich nach dem Abriss mit dem Neubau beginnen“, sagt er. Nur das Hintergebäude bleibe bestehen. Der Bauantrag soll demnächst eingereicht werden. „Ziel ist es, das neue Frau-Clara-Haus in der Saison 2016 zu eröffnen.“

Eine Kneipe wird es auf dem 220 Quadratmeter großen Areal allerdings nicht mehr geben: „Die Auflagen für Gastronomien in Neubauten nehmen so viel Platz für die Infrastruktur ein, dass nicht mehr genug Raum für eine Kneipe bleibt.“ Björn Gallenkamp bedauert das als Vertriebsleiter des Getränkeherstellers Behn besonders. Stattdessen sind Gewerbe im Erdgeschoss und Ferienwohnungen darüber geplant. Das neue Gebäude soll sich einfügen, einen historischen Charakter erhalten und nach Aussagen Gallenkamps zum Teil mit historischen Baustoffen erstellt werden. „Wir orientieren uns an dem ehemaligen Volkshochschulgebäude in der Nachbarschaft.“

>Ein Dank für die Unterstützung bei den Recherchen geht an Helga Knacke, Cacilie Dronske und Dr. Heinrich Mehl

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erstellt am 08.Aug.2015 | 05:52 Uhr

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