So war es damals : Das alte Borby wird lebendig

In Blenders Kolonialwarenladen in der Norderstraße gab es alles – und viele ließen bei den sozialen Kaufleuten anschreiben. Als sie starben, waren noch viele Außenstände offen.
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In Blenders Kolonialwarenladen in der Norderstraße gab es alles – und viele ließen bei den sozialen Kaufleuten anschreiben. Als sie starben, waren noch viele Außenstände offen.

Volles Haus beim Borby-Abend von Stadtführerin Ilse Rathjen-Couscherung in Carls Showpalast: 280 Leute schwelgten bei der erzählten Stadtführung in Erinnerungen.

shz.de von
14. Januar 2015, 05:44 Uhr

Eckernförde | Jeden Freitag kam der junge Mann in die Borbyer Samariter-Apotheke und legte schüchtern eine Mark auf den Tresen. Dafür bekam er eine kleine Tüte der Marke Fromms oder Blausiegel, die schnell in seiner Tasche verschwand. Doch eines Tages zögerte er. Ob das Bezahlen bis Montag Zeit hätte, wollte er wissen. Darauf rief Apotheker Balke aus dem Hinterzimmer: „Hat das andere dann nicht auch bis Montag Zeit?“

Es sind die menschlichen Geschichten aus dem alten Borby, die Ilse Rathjen-Couscherung so einfühlsam und amüsant erzählt, wie kein anderer. Die Stadtführerin kennt jeden Stein in Borby, weiß um die Originale, die hier gelebt haben. Am Montagabend ließ sie die Eckernförder bei einer Veranstaltung der Heimatgemeinschaft in Carls Showpalast an ihrem reichhaltigen Wissen teilhaben. 280 Besucher sahen alte Bilder und hörten kurze Geschichten. Weit mehr hatten Interesse, mussten aber vertröstet werden: Jeder Platz war besetzt.

Wer jedoch einen Stuhl ergattert hatte, konnte sich zwei Stunden zurücklehnen und Schlaglichter aus einer längst vergangenen Zeit genießen. Er erfuhr, wie an der Siegfried-Werft Schiffe von bis zu 40 Metern Länge über die Straße gezogen wurden und alle Passanten dann so lange warten mussten. Gar nicht so weit davon entfernt wohnte der Maler Max Streckenbach, der einst mit dem Schiff nach Amerika fuhr und die Zeit zum Malen nutzte. Seine Bilder fanden selbst bei der Frau des Präsidenten Anklang, so dass später Abgesandte Eisenhowers in Eckernförde nach weiteren Kunstwerken fahndeten – wer hätte das gewusst?

Gegenüber dem Kreishaus stand der Kiosk von „Ich-Möller“. „Er begann jeden Satz mit Ich“, erzählte Ilse Rathjen-Couscherung. Die bei ihm gekauften Getränke musste man aber in fünf Metern Entfernung zu sich nehmen, denn eine Ausschankgenehmigung hatte Ich-Möller nicht.

Ilse Rathjen-Couscherung erzählte aus ihrer eigenen Erinnerung und aus den Berichten von Augenzeugen. Hinzu kam ein fundiertes geschichtliches Wissen, das aber die Döntjes, zum Beispiel rund um den Lindenhof, nicht ersetzen konnte: So wollte in den 20er-Jahren Heinrich Torkuhl mit zwei Freunden nach einigen Lütt und Lütt Deutschland vergrößern. Das Trio fuhr also zur dänischen Grenze, um einen Grenzstein auszugraben und weiter nördlich wieder einzubuddeln. „Wi harrn em schon op’m Trittbrett“, soll er erzählt haben, doch ein Polizist ertappte sie und ließ sie den Stein wieder an Ort und Stelle eingraben.

Auch Lindenhof-Wirt Hans Treimer erlebte so manche Geschichte mit seinen Gästen, sorgte aber auch selbst für den einen oder anderen Lacher. Als eines Tages ein vornehmer Herr eine Verzehrquittung verlangte, kramte der Wirt so lange in einer Schublade herum, bis er tatsächlich einen Quittungsblock zu fassen hatte. Auf dem fertigen Beleg, so monierte der Gast schließlich, fehlte noch der Stempel. Auch den hatte Hans Treimer zur Überraschung der anderen Gäste da, drückte ihn auf den Zettel, faltete ihn und gab ihn dem zufriedenen Kunden, der daraufhin verschwand. Erst später stellte sich heraus, dass er einen Stempel für den Tierarzt genommen hatte. Aufschrift: „Trichinfrei“.

Ob die Gebrüder Klemm, Opa Berg und „Lord Miskuhl“ oder Hausmeister Lietz, dessen Frau die Wäsche auf dem Schulhof trocknete – Ilse Rathjen-Couscherung kennt sie alle, die Originale aus längst vergangenen Tagen und erweckt sie für einen kurzen Moment wieder zum Leben. „Sie macht das großartig“, fand dann auch Zuhörer Hans Koesling, und Ursula Pries lobte die einfühlsame Art, die Persönlichkeiten ohne eigene Bewertung stehenzulassen. Die Veranstaltung soll wiederholt werden, der Termin wird noch bekanntgegeben.

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