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Eckernförder Zeitung

20. Oktober 2017 | 05:52 Uhr

Brief einer Großmutter an ihre Enkelin

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Einfühlungsvermögen gepaart mit eigener Erfahrung soll junger Frau wieder Mut zusprechen

von
erstellt am 26.Apr.2016 | 06:07 Uhr

Großeltern und Enkelkinder haben oft eine besonders innige Beziehung. Hier ein besonderes Beispiel – ein Brief an die Enkelin:

Liebe H.,

bei Deinem letzten Besuch in Eckernförde hast Du mir von einer großen Verunsicherung erzählt, die Dich jetzt am Ende Deiner Ausbildung quält. Bisher lief alles außergewöhnlich gut. Du bekamst einen Platz an einer der besten Schauspielschulen Deutschlands, hattest Erfolge während der Ausbildung, Deine Begabung und Stärken konntest Du entfalten und für andere sichtbar machen.

Dieses Hochgefühl wurde unsanft beendet, ausgelöst durch erste Praxiserfahrungen an einer renommierten Bühne in München. Dort warst Du das letzte kleine Licht, völlig unbeachtet und unwichtig. Du kamst Dir vor wie eine Marionette an den Fäden des Regisseurs, ohne Eigenleben und Mitspracherecht. Eine schockierende Kränkung, die Dich völlig unvorbereitet traf. Fragen drängten sich auf: Wie kann es nach der Schule weitergehen? Ist die Schauspielerei überhaupt der richtige Beruf, wenn am Theater meine Begabung und meine Möglichkeiten nicht wahrgenommen werden?

Ich habe Deine Enttäuschung gespürt, mit Dir gelitten und mir überlegt, wie es war, als ich am Ende der schulischen Ausbildung war und einen Platz im Berufsleben brauchte. Das war 1956. Krieg, Angst, Entbehrung, Hunger waren vorbei. Aber es gab für mich nur eine Berufswahlmöglichkeit, und das bedeutete: Friss oder stirb. In dieser Beziehung hatte ich es leichter, ich brauchte mir keine Gedanken zu machen, ob ich das, was zu tun war, auch wollte. Ich musste mich durchbeißen.

Und das konnte meine Generation besser als Deine. Wir waren gewöhnt an Schwierigkeiten, die Eltern konnten uns nicht helfen, im Gegenteil, wir mussten ihnen dabei helfen wieder auf die Füße zu kommen. Also haben wir unsere Ansprüche weit nach unten geschraubt und Fähigkeiten entwickelt, die uns halfen mit allen Widrigkeiten fertig zu werden. So waren wir gut gerüstet und vorbereitet auf Rückschläge und Herausforderungen.

Deine Generation ist in eine relativ heile Welt geboren worden. Alles Notwendige stand zur Verfügung, Kinder durften Kinder sein, Eltern haben sie unterstützt und ernst genommen, wirklich kämpfen mussten sie nicht. Das bedeutet aber auch, dass ihnen Erfolgserlebnisse und die daraus erwachsende Selbstbestätigung fehlen, die sich aus der erfolgreichen Überwindung von Schwierigkeiten aus eigener Kraft ergeben.

Ich glaube, dass zur Entwicklung und Reifung eines Menschen etwas gehört, das unabhängig von den aktuellen Lebensbedingungen zeitlos und allgemeingültig ist: Bewährung. In dem Hauff-Märchen „Zwerg Nase“ ist diese Bewährungszeit wunderbar beschrieben. Es geht um Dreinschicken, Zulassen und wohl auch um Demut. Erst mal gucken, anpassen, mitmachen, Aufgaben lösen, auch wenn Du sie selbst so nicht gestellt hättest. Du gibst Dich dabei nicht vollkommen auf, sondern agierst mit dem, was Du bist und kannst. Deine Überzeugung verlierst oder verleugnest Du dabei nicht, Deine Person bleibt intakt. Auch wenn Du etwas anders machen sollst, als Du es in eigener Verantwortung für richtig gehalten hättest. Niemals kannst Du von einem anderen Menschen ganz vereinnahmt werden. Der Kern Deiner Person, das „Göttliche“, bleibt unantastbar und wird sich durchsetzen. Vertraue darauf und lass alles auf Dich zukommen. Du wirst merken, wenn sich neue Wege öffnen oder es Zeit ist die Reißleine zu ziehen.

Eins ist ganz besonders wichtig: Lass Dich nicht vom Alltag und den Anforderungen anderer auffressen. Sorge für Ruhezeiten, in denen Du alleine bist und Dich spürst. Nur so kannst Du merken, was Du brauchst und es Dir geben. Gehe liebevoll und fürsorglich mit Dir um und lass Dich unter keinen Umständen davon abbringen.

Ich wünsche mir sehr, dass es Dir gut geht, und ich möchte Dich auf Deinem Weg wohlwollend begleiten, solange es geht.

Alles Liebe für Dich

Deine Oma

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