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Eckernförder Zeitung

20. August 2017 | 14:00 Uhr

Botschaften auf dem Schießstand

vom

Jahresempfang der Bundeswehr auf dem Torpedoschießstand der WTD 71 / Marine und WTD setzen weiter auf den Standort Eckernförde

Eckernförde | Wo sonst Torpedos zur Erprobung auf die zehn Seemeilen lange Seebahn in die Eckernförder Bucht abgeschossen werden, blickten gestern Nachmittag Vertreter der Marine, Wehrtechnischen Forschung, Wissenschaft und Stadt auf die 100-jährige Marinegeschichte in Eckernförde zurück. Der Torpedoschießstand der Wehrtechnischen Dienststelle für Schiffe und Marinewaffen, Maritime Technologie und Forschung (WTD 71) bot einen authentischen Rahmen für den Blick zurück und in die Zukunft. Zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens ließen sich diese wohl einmalige Gelegenheit nicht entgehen.

Es war nicht nur eine außergewöhnliche Umgebung, es war auch ein besonderer Jahresempfang mit wichtigen Botschaften. So gab der Leiter des Zentrums Einsatzprüfung beim Marineunterstützungskommando (früher Kommando Truppenversuche), Kapitän zur See Ralf Trappe, bekannt, dass er wenige Stunden zuvor die Funktion des Standortältesten an den Stützpunktkommandeur, Fregattenkapitän Helmut-Christian Brodersen, übergeben hat. Trappe freute sich zudem über die Rückkehr des Tenders Main, der gestern Vormittag vom mehrmonatigen Manöver aus den USA zurückgekehrt war. Die Besatzung sei wohlbehalten angekommen, so Trappe.

Zudem sorgte der Direktor der WTD 71 und Hausherr, Wolfgang Schlichting, mit seinen offenen, ermutigenden Worten zur Zukunft der für Eckernförde bedeutenden Dienststelle für entspannte Gesichter: "Wir bleiben hier." Das war zwar nie in dieser Brisanz in Frage gestellt worden, doch angesichts ständiger Reformen und Veränderungen in der Bundeswehr und Wehrtechnik ist diese klare Aussage durchaus von Bedeutung. Die Eckernförder Bucht sei für die Erprobungs- und internationalen Forschungsaufgaben der WTD wegen der Unterwassertopografie, des geringen Schiffsverkehrs und der Sonderrechte geradezu ideal, zum anderen sprächen die Nachbarschaft zum Marinestützpunkt mit ihren Einheiten und den U-Booten sowie das ausgezeichnete Verhältnis zur Stadt und seiner Bürger für einen Verbleib in Eckernförde, betonte Schlichting. Auch wenn künftig eine engere Verzahnung mit dem Marinearsenal in Kiel angedacht sei, werde die WTD nicht dorthin umziehen. Der Seebetrieb sei gesichert, Schiffe und Besatzungen blieben in Eckernförde und die Anfragen für internationale Forschungs- und Entwicklungsprojekte von ausländischen Marinen nähmen ständig zu. Jüngst sei ein Abkommen mit der polnischen Marineakademie getroffen worden, ferner sei eine Vereinbarung mit Estland in Vorbereitung.

Bürgermeister Jörg Sibbel wies auf die starke Verankerung der Marine und ihrer Soldaten in Eckernförde hin. "Die Schiffe im Marinehafen sind für uns ein liebgewordener Anblick und nicht mehr aus Eckernförde wegzudenken." Die Bundeswehr sei für Eckernförde eine "feste Größe und Teil des städtischen Lebens". Sibbel nutzte die Gelegenheit und das ausgesuchte Forum, um eine baldige Umsetzung der angekündigten Investitionen in den Marinestandort zu fordern. So musste die Marine mit Gerät und Personal für ihren Tag der offenen Tür am 18. Juli erstmals vom Marinehafen und den städtischen Hafen umziehen, weil die Ostmole dort in einem "besorgniserregenden Zustand" und von großen Löchern durchsetzt sei (wir berichteten). Dadurch seien auch Gerüchte aufgekommen, dass Schiffe und Einheiten abgezogen werden könnten - sie wurden allerdings dementiert. Dennoch: Der Bürgermeister wies auf die zugesagten Investitionen von 105 Millionen Euro bis 2017 und 145 Millionen Euro bis 2022 hin. "Das Geld ist da, aber es ist leider noch nichts geschehen. Ich wünsche mir, dass wir sehr bald den Schiffen wieder eine attraktive Heimat bieten können."

Eine knappe halbe Stunde benötigte der Historiker des Deutschen Marinebundes am Marine-Ehrenmal in Laboe, Dr. Jann M. Witt, um die Anwesenden in das Thema "100 Jahre Marine in Eckernförde" einzuführen. Der gebürtige Eckernförder erinnerte daran, dass der erste Torpedoschießstand am 13. Juni 1913 von der Kaiserlichen Marine in Betrieb genommen wurde. Doch schon zehn Jahre zuvor, so Witt, habe die Erprobung des Versuchs-U-Bootes "Forelle" in der Eckernförder Bucht begonnen. Die Erprobung sei so geheim gewesen, dass nicht einmal der auf Hemmelmark lebende Befehlshaber der Flotte, Prinz Heinrich von Preußen, davon wusste. Als er davon über die Zofe seiner Ehefrau, Prinzessin Irene erfuhr, zürnte er kurz, unternahm dann aber eine Probefahrt und war begeistert, berichtete Witt. 1906 wurde U 1 gebaut, 1911 mit dem Bau des Torpedoschießstandes in Eckernförde begonnen - die Voraussetzungen waren ideal: eine zehn Seemeilen lange Schießbahn, 20 Meter Wassertiefe und außer den Fischerbooten kaum Schiffsverkehr, was die ungestörte Erprobung erleichterte. Das 4000 Quadratmeter große Grundstück, der Schießstand und die Nebengebäude verschlangen die damals sehr große Summe von 2,2 Millionen Goldmark. In seinen eindrucksvollen Ausführungen ging Witt auf die Novemberrevolution 1918 ("Auch in Eckernförde wurde Revolution gemacht") und den Kapp-Putsch rechtsextremer Kreise im März 1920 ein, bei dem zwei Menschen durch Querschläger getötet wurden. Von 1939 bis 1945 stieg die Zahl der militärischen und zivilen Beschäftigten der Torpedoversuchsanstalt (TVA) von 3200 auf 24 400 (!) an, darunter viele Fremdarbeiter und Zwangsarbeiter. Der Marinehistoriker merkte ferner an, dass Eckernförde bei den ab 1941 einsetzenden nächtlichen Angriffen englischer Bomber auf Schleswig-Holstein " aus bislang noch ungeklärten Gründen trotz der kriegswichtigen Torpedoversuchsanstalt weitgehend verschont" geblieben ist. Zerstört wurde die TVA dennoch - im Zuge der Demilitarisierung wurden große Teile der noch völlig intakten Anlagen zwischen Dezember 1948 und Januar 1950 gegen den Widerstand der Bevölkerung gesprengt. Witt umriss dann die Zeit vom Wiederaufbau bis heute und ging dabei auf die vielfältigen Veränderungen und Umstrukturierungen ein. Sein Fazit: Die Eckernförder Bucht sei ideal für die Aufgaben der maritimen Technologie und Forschung geeignet, die Standortwahl der Kaiserlichen Marine habe sich bewährt.

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von
erstellt am 16.Aug.2013 | 03:09 Uhr

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