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Kleine Archäologische Sensation : Borgstedt war kein Niemandsland

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Fund des riesigen Urnen-Friedhofs beweist: Die Region war während der Völkerwanderungszeit besiedelt / Ausstellung später möglich

von
erstellt am 20.Jan.2016 | 06:30 Uhr

Unter einem Schatz versteht jeder etwas anderes. „Habt ihr schon Gold gefunden?“, wollten neugierige Besucher von den Archäologen wissen, als sie im vergangenen Jahr das Grabungsfeld nahe der Bundesstraße bei Borgstedt begutachteten. Cornelia Lübke lacht. Was die Fachleute vom Archäologischen Landesamt unter den Feldern entdeckten, waren unter anderem rund 850 Urnen aus der Zeit der Völkerwanderung (wir berichteten). Für Laien auf den ersten Blick vielleicht unspektakulär, für die Archäologen jedoch ein wahrer Schatz. Denn man hatte immer angenommen, dass zwischen Eider und Schlei während jener Periode eine Art Niemandsland war.

Ob es sich bei den Toten um Vorfahren der heute hier Lebenden handelt, können die Fachleute nicht sagen. Erst siedelten Angeln und Sachsen im Land zwischen den Meeren. Dann kam die Phase, in der die Region als ein „siedlungsleerer Raum“ galt. Im Mittelalter stießen schließlich neue Völker in den Norden vor. Das Interesse der heutigen Bevölkerung ist jedenfalls groß, wie eine Präsentation der Grabungs-Ergebnisse in Borgstedt bewies. Joachim Sievers aus Rickert, der selbst umfangreiche archäologische Funde gesammelt hat, und andere Einwohner quittierten die Vorträge der Archäologinnen mit der Bemerkung „spannend!“.

Aus der Kartei der archäologischen Landesaufnahme geht hervor, dass sich in der Region mehrere Fundstellen befinden. Bereits 1875 hatte der Lehrer Steinbock mit Schülern gegraben und bereits zirka 800 Urnen zu Tage befördert. Auch beim Bau des Dorfgemeinschaftshauses und des ersten Gewerbegebietes waren Relikte vergangener Zeiten ans Tageslicht gekommen.

Jetzt war es das geplante Interkommunale Gewerbegebiet, das den Ausschlag für die Grabungen lieferte (siehe Kasten rechts). „Ein archäologischer Glücksfall kommt doch nicht immer allein“, freute sich Veronika Klems. Was der Boden frei gab, war für alle eine große Überraschung – denn es waren sowohl eine bronzezeitliche Siedlung als auch zwei Gräber aus jener Periode und 618 Urnen aus der Zeit der Völkerwanderung. Sie lagen auf der anderen Seite jenes Knicks, an dem Lehrer Steinbock vor 140 Jahren fündig geworden war. Sorgsam und planvoll waren die Archäologen zu Werke gegangen, hatten vorsichtig Schicht für Schicht des Bodens abgetragen und die Fläche in genau bezeichnete Arreale aufgeteilt, damit jeder Fundort präzise dokumentiert werden konnte, schildern die beiden Expertinnen vom Archäologischen Landesamt das Vorgehen. Allerdings haben historische Relikte einen Feind: Die moderne Landwirtschaft. Die großen Geräte dringen tief in den Boden ein und zerstören auf diese Weise so manches Teil, das zuvor Jahrhunderte unversehrt überdauert hat. Von den 850 jetzt entdeckten Urnen konnten dennoch 618 unbeschädigt geborgen werden.

Urnen enthalten Asche. Das allein wäre wenig spektakulär. Aber auch in der Zeit 450 bis 550 nach Christus haben die Menschen ihren Verstorbenen Grabbeigaben mitgegeben – und das sind die archäologischen Schätze. „Wir haben erst mit der Auswertung angefangen“, erklärt Veronika Klems auf die Frage, was denn entdeckt worden sei. „Vielleicht enthalten sie ja noch sensationelle Schätze.“

Aber so viel kann sie schon sagen: Eine Nähnadel gehörte damals zur Ausstattung einer Frau. Das gefundene Objekt ist aus Silber und war daher wahrscheinlich im Besitz einer wohlhabenden Dame, denn sonst waren die Nadeln jener Zeit aus Eisen oder Knochen angefertigt worden. Schmuck stand auch hoch im Kurs – der Fund von Glasschmelz ist der Rest von Perlen. Gespielt wurde ebenfalls, wie Spielsteine beweisen. Körperpflege war für die Menschen jener Zeit kein Fremdwort. Der Beweis sind ein Rasiermesser und ein Toilettenbesteck, bestehend aus Pinzette und Ohrlöffel – „dem heutigen Ohrstäbchen, nur aus Bronze“, wie Veronika Klems erklärte.

Da der Friedhof aus der Zeit der Völkerwanderung rund 100 bis 150 Jahre genutzt wurde, nehmen die Expertinnen an, dass es nicht nur Menschen aus der näheren Umgebung waren, die hier bestattet wurden. Woher genau die Toten allerdings kamen, wissen sie nicht. Besiedelt war die Region schon wesentlich früher – vor zirka 2300 Jahren. Das geht aus zwei anderen Funden hervor, einer bronzezeitlichen Siedlung plus zwei Gräbern aus jener Zeit. Viel geblieben ist von den damaligen Häusern nicht. Sie wurden aus Holz gebaut, das verrottete, dessen Reste allerdings eine andere Bodenfärbung ergeben. Diese Stellen wurden weiß markiert und Drohnenfotos machten dann sichtbar, dass es sich wohl um Langhäuser handelte. „In ihnen war im westlichen Teil der Wohnraum, im östlichen der Stall untergebracht“, weiß Cornelia Lübke. Scherben aus einem Ofen, der Unterlieger eines Mahlsteines, ein Löffelschaber zur Holzverarbeitung – viel war sonst nicht zu finden. Die Menschen werden die Häuser planvoll verlassen haben, mutmaßt Hobby-Archäologe Sievers.

Nach der Untersuchung werden die geborgenen „Exponate im Archiv verschwinden“, erklärten die Fachfrauen auf Nachfrage. Möglich sei jedoch, sie für Ausstellungen zur Verfügung zu stellen. Daran besteht offenbar großes Interesse. Weiter graben können die Archäologen jedoch nicht, schließlich soll ab dem kommenden Jahr gebaut werden. Außerdem gelte: „Am besten erhalten bleiben die Exponate im Erdreich – für kommende Generationen, denen wahrscheinlich noch bessere Methoden zur Bergung zur Verfügung stehen werden.“

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