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Bei den Embera in Panama : Borbyer trifft Medizinmann im Regenwald

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Harald Gross aus Eckernförde hat in Panamas Urwald die Embara-Ureinwohner getroffen. Er war Gast von Medizinmann José, der ihm zeigte, wie man kleine Flusskrokodile mit der Hand fängt. Auf shz.de schreibt er über seine Erlebnisse.

von
erstellt am 16.Mai.2014 | 06:04 Uhr

„Du musst nicht sauer auf mich sein“. Gemeint war die kinderfaustgrosse Tarantel, die mich gerade böse mit Drohgebärden von ihrem Erdloch fernzuhalten versucht. Schon seit Tagen erkunde ich die Umgebung der Indianersiedlung im Regenwald des Rio Chagres und habe dabei unbeabsichtigt die Tarantel gestört. José,der Medizinmann der Embera und mein Gastgeber, hatte mich zuvor gewarnt. Nimm besser einen langen Stock mit, wenn du dich im Regenwald bewegst. Ein hilfreicher Hinweis: Ich hatte so einige Bekanntschaften mit Lanzenottern und Boas vermeiden können.

Im Verlauf meiner mehrwöchigen Reise durch Panama hatte ich Gelegenheit, die im nördlichen Teil des Landes lebenden Wounaan Embera zu besuchen. In der Siedlung wurde auf Bananenblättern frittierter Tilapia gereicht, ein Süßwasserfisch aus dem Rio Chagres, und dazu ebenfalls in Öl frittierte Bananenscheiben – Patacones. Danach bekam ich von Josés Frau einen Becher mit einem Getränk gereicht. Etwas in mir sagte „Nun geht’s los“, hatte ich doch schon viel über jenes berüchtigte Getränk namens Chicha gehört, bei dem zur Herstellung aus Maismehl gebratene Fladen zerkaut und mit Speichel durchtränkt in ein Gefäß gespuckt einige Tage gären dürfen. Nach dem Gärungsprozess ist dann der Speichel sämtlicher an der Herstellung beteiligten Dorfbewohner ein berauschendes Getränk – es war zum Glück nur Palmwein.

José zeigte mir Pflanzen aus „seinem Garten“, wie er den Regenwald nannte, wie die „Hand Gottes“, eine Palmart, deren Wirkung einer Aspirintablette gleicht, oder seinen „Kosmetikbaum“: Der Baum hat ein ganz weiche Rinde, deren Saft auch zum Eincremen der Haut benutzt wird. José erzählte mir, dass die kleinen Babys nach dem Waschen mit dem Öl des Baumes übergossen werden und sie deswegen später keine Körperbehaarung bekämen. Als später der tägliche Regenguss einsetzte, konnte ich mich von der Wirkung des Baumsaftes überzeugen: Während ich bis auf die Haut durchnässt durch den Dschungel stampfte, perlte jeder Regentropfen von meinen indianischen Begleitern ab.

José hat mir gezeigt, wie man Fische mit dem Speer fischt, kleine Flusskrokodile mit der Hand fängt, von welcher Stachelpalme man die Pfeile für die Blasrohre herstellt und welche Pflanzen man für das Pfeilgift verwenden kann. Er zeigte mir, wie man Lianen unterscheidet, die Trinkwasser enthalten und andere, die nur zum Binden benutzt werden, oder aus welchem Baum man die Einbaumkanus herstellt.

Diese Bäume und auch andere Edelhölzer sind es auch, weshalb der Lebensraum der Embera gefährdet ist. Illegale Baumwilderer, Goldsucher, Minengesellschaften und nicht zuletzt Rebellen haben immer wieder kurzen Prozess gemacht, wenn sie bei ihren Unternehmungen auf Indios gestoßen sind. Durch autonome indigene Territorien hat sich die Lage der Embera etwas gebessert. Es ist für José aber unvorstellbar, den Wald zu verlassen, in dem schon seine Vorfahren lebten. Auf die Embera wurde man erst in den 1960er Jahren aufmerksam, als die Nasa ihre Astronautenanwärter zum Überlebenstraining in den Regenwald Panamas schickte.

Ich wohnt mit Josés Familie in einem palmgedeckten Pfahlhaus. Mein Blick fällt auf eine Plastikflasche mit angegrautem, sahneartigen Inhalt. Ich will die Flasche gerade nehmen, als es schon „Omega tres e mucho bueno“ neben mir donnert: José flippte förmlich aus vor Begeisterung. Der Medizinmann der Embera preist salbungsvoll eine stinknormale Fertigsalatsoße an, die er vor zwei Jahren von seinen Kindern geschenkt bekam. Da steht neben mir ein gestandener Mann, der in seinem Volk einen Namen als Medizinkundiger hat, und schwört auf eine verzuckerte Salatsoße mit Omega-3-Fettsäure, weil die angeblich gut fürs Herz sei, wie er beschwörend wiederholt und sich dabei begeistert mit der Faust aufs Herz klatscht. Da beklagt er sich darüber, wie sehr die Schulen ihre Kinder dem Volk entfremden würden, und gleichzeitig preist er im Stile eines Teleshopping-Moderators eine angegammelte Salatsoße an – bemerkenswert!

Der Abschied fällt mir nicht leicht. Würde ich diese Menschen in einigen Jahren noch so vorfinden? Oder gibt es dann mehr Salatfertigsoßen und die Bewohner arbeiten als Mitarbeiter eines Museums mit tragbarem Fernseher unter der Pfahlhütte?

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