Blick ins medizinische Mittelalter

<strong>Ein Margarethen-Schrank</strong> stand jahrzehntelang unbeachtet auf dem Dachboden des Pastorats. Pastor Hans Baron und Mitglieder des Kirchenvorstandes entdeckten ihn beim Aufräumen. Foto: ez
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Ein Margarethen-Schrank stand jahrzehntelang unbeachtet auf dem Dachboden des Pastorats. Pastor Hans Baron und Mitglieder des Kirchenvorstandes entdeckten ihn beim Aufräumen. Foto: ez

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17. Juni 2010, 06:25 Uhr

Kosel | Ihren Augen trauten kürzlich Pastor Hans Baron und einige Mitglieder des Kirchenvorstandes in Kosel nicht. Beim Aufräumen auf dem Dachboden des Pastorats stießen die Helfer auf einen zunächst unscheinbaren Schrank.

Doch Pastor Hans Baron, der derzeit als Vakanzpastor in der Kirchengemeinde Kosel arbeitet, kannte sich aus. Aus seiner Zeit als Pastor in einer Angelner Gemeinde hatte er schon von solchen Schränken gehört und erkannte welchen Schatz die Helfer da unter dem Dachgebälk entdeckt hatten. Der Schrank wurde freigeräumt und stand etwas ramponiert und ohne den sonst typischen geschwungenen Aufsatz vor den Helfern. Unter einer dicken Staubschicht legten die Helfer die Aufschrift "Margarethen-Spende" am Schrankkopf frei. "Ich war überrascht und hatte von so einem Schrank bisher nichts gewusst", berichtete Vorstandsmitglied Ernst Settler.

Hans Baron und auch Kosels Bürgermeister Heinz Zimmermann-Stock aber kennen die Schränke und berichteten. Ende des 19. Jahrhunderts gab es in allen Kirchspielen Angelns einen solchen Margarethenschrank. Für Kenner der Entwicklung häuslicher Krankenpflege sei ein solcher Schrank von historischer Bedeutung, so Baron. Die Einrichtung der Schränke mit medizinischen Utensilien gehe auf den Hufner Johannes Adolf Jacobsen aus Angeln zurück. Er hatte 1883 seiner an Lungenentzündung tödlich erkrankten 23-jährigen Tochter Margarethe am Sterbebett versprochen, etwas für die Kranken zu tun, ergänzte Bürgermeister Heinz Zimmermann-Stock aus seinen Nachforschungen. Dazu ließ Jacobsen einen Holzschrank anfertigen und stattete ihn mit den zu dieser Zeit bekannten häuslichen Pflegemitteln aus. Und so landeten unter anderem Hornspatel, Eiterbecken, Schnabeltassen, Spuckbecken, Inhalationsgeräte, eine Bettpfanne, Wasserkissen, Spritzen, Gliedmaßenschienen und Verbände in dem Schrank. Eine Inhaltsliste des Koseler DRK mit Datum vom 27. Juni 1967 listet das Inventar exakt auf. Bald wurden alle Kirchspiele Angelns damit ausgestattet. Diese Schränke erlangten schließlich größere Bekanntheit und kamen auch über die Schlei nach Schwansen. Insgesamt 758 Exemplare sollen im ganzen Deutschen Reich zu finden gewesen sein, erklärte Zimmermann-Stock.

Eine so genannte "Margarethenspende" gab es nach Auskunft der Koseler Finder aber nur dann, wenn ein Frauenverein als Besteller auftrat. In Kosel geht die Spur zurück auf Dora Jessen. Sie war um 1900 die Ehefrau des damaligen Pastors und Vorsitzende des Vaterländischen Frauenvereins, aus dem sich später das Deutsche Rote Kreuz entwickelte. Sie habe den Margarethenschrank im Vereinshaus im Haarmoor verwahrt, konnte der vom Fund begeisterte Bürgermeister nach Recherchen mitteilen. Dieser Schrank wurde bis in die 70er Jahre über das DRK von vielen Einwohnern benutzt, die sich den Kauf der Hilfsmittel nicht leisten konnten. Sie entliehen sich die Geräte und gaben eine freiwillige Spende in eine dafür eingebaute Schublade des Schranks. Als schließlich die Hilfsmittel unmodern wurden, landete der Schrank samt historischen Inhalt auf dem Dachboden des Pastorats.

Der Kirchenvorstand hat noch nicht entschieden, was mit dem Schrank geschehen soll, aber er sei etwas ganz Besonders, sagte Settler. Inzwischen hat Settler den Inhalt gesichtet und gesäubert. Den bislang unentdeckten Schrankaufsatz mit einem fehlenden Foto der Margarethe, konnte Settler auch noch auf dem Dachboden finden. Der Fund soll nun hergerichtet werden, um ihn am Sonnabend, wenn die Heimatgemeinschaft Eckernförde ab 14 Uhr zu einem Rundgang durch Kosel einlädt, zu zeigen. Der Rundgang startet am Asmussenplatz unter Leitung des Bürgermeisters, von Bernd Jacobsen und Heinz Bannick. Die Teilnahme ist kostenlos. Gäste sind willkommen.

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