Gerhard Delling : Blick auf den Menschen hinter dem Ball

 Ein kleines Dankeschön: Tom (r.) und Marvin übergaben Gerhard Delling die Ehrennadel des Gettorfer SC.  Foto: Tietjens
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Ein kleines Dankeschön: Tom (r.) und Marvin übergaben Gerhard Delling die Ehrennadel des Gettorfer SC. Foto: Tietjens

Gerhard Delling in Gettorf: norddeutsch, nett, geduldig. GSC verleiht Ehrenmedaille an Sportmoderator.

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26. April 2013, 08:54 Uhr

Gettorf | Wenn am 18. Mai die letzten Spiele der laufenden Bundesligasaison abgepfiffen werden, werden seit Einführung der deutschen Eliteliga in Summe 15 234 Partien in den Annalen stehen - genug Stoff also für Anekdoten, Geschichten, Statistiken und Skandale. Am 24. August 1963 ertönte der erste Anpfiff. Seither stritten insgesamt 52 Vereine um den Meistertitel in der Bundesliga. Von den Gründungsmitgliedern ist einzig der Hamburger Sportverein ununterbrochen dabei. Ununterbrochen dabei und seit vielen Jahren auch mittendrin verfolgte auch der Stargast des Gettorfer Sportclubs (GSC) "fast durchgehend mit Begeisterung" das Geschehen auf und neben den Spielfeldern: Gerhard Delling stellte in einem Podiums-Interview im Hotel Stadt Hamburg sein Buch "50 Jahre Bundesliga - wie ich sie erlebte" vor.

Der Sportmoderator hat es nicht so mit Zahlen, wie er gestand. Auch Entwicklungen und Geschichten, die man nicht neu erzählen kann, wärmte er nicht auf. Der Blick seiner persönlichen Rückschau basiert daher auf "Begegnungen, die das Erlebnis Fußball für mich so unvergleichlich macht". Mehr als 200 Zuschauer aus dem erweiterten Großraum hatten sich im Saal des Hotels versammelt. Tina Kröger aus Stubbendorf war mit den Nachbarn da und freute sich auf "fußballorientierte Unterhaltung". Joachim Kemnitz (72) aus Gettorf studierte 1963 in Kiel, erlebte den Start der Bundesliga als bekennender Hannover 96-Fan mehr im Rundfunk - Fernsehen gab es nur in der Gaststätte. Er freute sich darauf, "Herrn Delling persönlich kennen zu lernen". Caje (14, aktiv in der C-Jugend des GSC) wollte "einmal wissen, wie so eine Buchvorstellung abläuft". Darüber hinaus drückte er seinem Vater Ekkehard Krüger die Daumen, der die von ihm mit initiierte Veranstaltung anmoderierte und die beiden Protagonisten vorstellte.

In die Aufgabe des Interviewpartners, an Stelle von Günter Netzer oder Mehmet Scholl, fügte sich der Gettorfer Raymond Madsen. Der Englisch- und Religionslehrer hatte gemeinsam mit dem Volkswirtschaftsstudenten Delling in der Fußball-Auswahl der Kieler Christian-Albrechts-Universität einige einprägsame Erfolge und Reisen erlebt. Auf der Bühne gaben sie sich stichelnd, spielerisch ironisch und scherzhaft in alten Wunden rührend. Klagen seines Konterparts wischte "Delle" beiseite: "Mit Netzer war das schlimmer."

Madsen las Passagen aus Dellings Buch, die dieser mit Erinnerungen und lokalen Bezügen auf seine aktive Zeit als Fußballer, als Kind sowie seiner frühen Lehrjahre als angehender Reporter anreicherte. Die erste Geschichte aus dem Buch schildert das Zusammentreffen mit Uwe Seeler, der, obwohl Sportsmann und feiner Mensch durch und durch, auf dem Platz aber "Schaum vor dem Mund" entwickelte. Wolfgang Overath schilderte Delling aus seinen Erfahrungen in Prominentenspielen als "Uwe hoch 2". Als Menschen neben dem Fußballplatz attestierte "Delle" beiden: "Supercharaktere". Dellings Zusammentreffen mit dem Grantler Ernst Happel trieb Tränen in die Augen - vor Lachen: "Alle wussten, der sagt nichts. Nur ich wusste das nicht." Er bekam jedoch seine Infos und zog sich als junger Spund den Zorn der Journalisten-Kollegen zu.

Der Sportmoderator berichtete von der Hilfsbereitschaft einiger Profifußballer, die gerne und spontan über ihn Dritten finanzielle Hilfe zukommen ließen - Bedingung: "Sag es niemandem!" Auf der anderen Seite hätten nicht alle Großen dieses Sports das bekommen, was sie verdient gehabt hätten. Madsen hebt heraus, das Gerhard Delling "mit seinen Erinnerungen ein großen Beitrag leiste, den Menschen hinter dem Sportler zu sehen".

Nachdem man sich bis auf Seite 9 des Buches vorgearbeitet hatte, nahte schon der Abpfiff. Delling spontan: "Nächste Woche wieder!" Stattdessen kauften sich viele der bestens amüsierten, begeisterten Zuhörer das Buch vor Ort - und ließen es sich zum Abschied beim geduldigen Ehrengast signieren. Auch jeder Fotowunsch wurde erfüllt. Delling wurde von den GSC-Junioren die Ehrennadel des Vereins überreicht - nicht nur für seinen tollen Auftritt an diesem Abend.

Im Anschluss stellte sich der Gast noch den Fragen aus der Zuhörerschaft: "Wen finden Sie besser, Messi oder Ronaldo?" Die Antwort sorgte für kollektives Schmunzeln mit Blick auf den ortsansässigen Kreisligisten: "Ich finde Beide gut - die würden ganz gut passen hier nach Gettorf." Natürlich wurde auch das Verhältnis zu seinem langjährigen kongenialen Konterpart Günter Netzer hinterfragt, insbesondere die verbalen Hiebe, die man sich medienwirksam versetzte. Delling: "Das war der Glücksfall einer Zweierbeziehung. Wir sind sehr aufmerksam miteinander umgegangen. Es war nie verletzend!" Zum Verlauf seiner Karriere räumte der Moderator ein: "Es war nicht mein Traumberuf."

In der Frage von Selina (16, kickt beim GSC) nach seiner Einschätzung des Mädchen- und Frauenfußballs sah der zweifache Vater Potential: "Meine Töchter spielen auch Fußball." Die Nachfrage zur Hoeneß-Affäre soll an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, kann aber, wie Delling richtig feststellte, zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend bewertet werden. Dieser Fall dürfte sich auch über die Nachspielzeiten der letzten Bundesligapartien im Spieljahr 2012/13 hinziehen - ob das in weiteren 50 Jahren wirklich noch Jemanden interessieren wird?

Der Erlös der Veranstaltung geht an die Uwe-Seeler-Stiftung.

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