Bittere Botschaft: Kleines Herz in Not

Wie Kinder unter staatlicher Obhut leiden / Achterbahnfahrt der Gefühle bei einem Besuch in Hamburg

von
14. Januar 2015, 06:10 Uhr

Ein zweites Mal wurde ich nach Hamburg gefahren - allerdings lagen zwischen dem ersten und dem heutigen sieben Jahre.

Vor sieben Jahren durfte ich meinen neugeborenen Großneffen auf dieser Welt begrüßen und ihm die kleinen Hände und Füße mit meinen großen Händen wärmen, denn Wärme schien ihm zu fehlen. Heute sollte ich den inzwischen Siebenjährigen nach über anderthalbjähriger Trennung wiedersehen. Es war für mich wie ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk. Wir lieben uns sehr, dieser Junge und ich – und so wurde aus der Großtante Inge „seine“ Oma Inge.

Jeder Tag, an dem wir uns nah waren, wurde ein Tag voller Freude und Abenteuer für uns zwei. Seinen Eltern ging in diesen sieben Jahren etwas verloren. War es die Zuneigung, die sie füreinander empfunden haben mussten, oder war es etwas anderes, ich weiß es nicht. Doch was sie verloren haben, war dieses so liebenswerte und lebendige Kind. Behörden schritten ein und verbrachten den Jungen in eine betreute Wohngruppe zum Wohle des Kindes.

Am heutigen Tag teilte der Vater die kostbaren zwei Besuchsstunden mit mir. So liefen wir zu viert über den Hamburger Dom, der Vater, der Kleine, der große starke Betreuer und ich. Die Freude des Kindes, mich zu sehen, erschütterte mich. Ich konnte nur mühsam meine Tränen verdrängen. Der Kleine wich nicht von meiner Seite, nur wenn er Auto-Scooter fuhr. Ich bewunderte sein Geschick, dieses Gefährt zu steuern, erkannte, wie achtsam er lenkte, um keines der anderen Kinder zu gefährden.

Auf meine Frage, wieso er schon so gut fahre, flog ein kurzes kleines Lächeln über sein Gesicht. Er flüsterte mir zu: „Das hat Papa mir beigebracht. Du weißt doch, ich kann auch schon ein großes Auto lenken.“ Wie wahr, er kann es wirklich. Hatte sich da das Talent und die Liebe des Vaters zu Autos auf den Sohn übertragen? Ob der Kleine in seinen Träumen wohl mit großen Autos die langen Autobahnen entlang brauste, die er mit seinem Vater schon befahren hatte?

Viel zu schnell waren unsere zwei Stunden um, und er stieg in das Auto des Betreuers. Ich sah die Tränen in seinen Augen, die er trotzig mit dem Ärmel seiner Jacke wegwischte. „Kommst du noch vorbei, damit ich dir mein Zimmer zeigen kann, Oma Inge?“ fragte er. Wenn ich die Erlaubnis bekommen würde, würde ich da sein, antwortete ich. Aber auf alle Fälle würde der Eckernförder Weihnachtsmann ihn nicht vergessen und ihm zum Fest ein kleines Päckchen schicken. Dann fuhr der Betreuer ab.

Nach allem, was ich vorweg erlebt hatte, bestand kaum Hoffnung, das Haus noch an diesem Abend betreten zu dürfen – und dem war auch so. Ich wurde wie ein Bettler von der nur einen Spalt weit geöffneten Tür gewiesen.

Ich fühlte unendliche Trauer und eine große Wut in mir aufsteigen. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dem Kleinen noch ein Päckchen schicken zu können. Die Zeit dazu reichte noch. Es sollte dem traurigen Jungen Trost bringen, ihm zeigen: Schau her, ich habe dich nicht vergessen.

Am Heiligen Abend stolperte ich über ein Päckchen vor meiner Tür. Ich erkannte mein Weihnachtspäckchen, das den unglaublichen Vermerk „Annahme verweigert“.

Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich laut lachen über so viel Borniertheit. Hier wurden zwei Menschen, die sich liebhaben, durch menschliche Willkür bestraft. Wir beiden erlebten das Fest der Liebe anders. Es wurde das Fest bitter geweinter Kindertränen und tiefster Verletzung einer Kinderseele – aber wohlgemerkt: Es geschieht alles nur zum Wohle des Kindes.

Ich verstehe diese Welt nicht mehr.

Im Januar 2015 wird es von Amts wegen wieder eine Entscheidung geben. Dieses Mal endlich zum Wohle des Kindes?

Ich wünsche dir viel Glück, mein geliebter kleiner Autofahrer.


zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen