Tierhaltung : „Billigfleisch widerstehen“

Das Interesse an der Veranstaltung über Tierhaltung im Koseler Hof war sehr groß.
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Das Interesse an der Veranstaltung über Tierhaltung im Koseler Hof war sehr groß.

110 Besucher bei Infoabend zur Tierhaltung in Kosel. Runder Tisch und weitere Veranstaltungen geplant.

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12. Januar 2018, 06:27 Uhr

Kosel | Ein „Runder Tisch“ für den weiteren Dialog und eine wie auch immer geartete andere Form der Gewinnerzielung für einen örtlichen Landwirt, damit dieser vielleicht auf den bislang beantragten Bau einer Hähnchenmastanlage für 29 600 Tiere im Ortsteil Eschelsmark verzichtet – dies waren zwei Erkenntnisse eines über zweistündigen Diskussionsabends mit Filmvortrag im Koseler Hof.

Der geplante Bau einer Hähnchenmastanlage war zwar der Anlass des Treffens mit gut 110 Besuchern (rund die Hälfte aus Kosel), „am Ende aber ging es um weit mehr als den Hof, nämlich um Massentierhaltung und das globale Problem“, stellte Klaus Stüben fest. Klaus Stüben hatte mit Ehefrau Doris den Film „Projekt Hühnerstall“ des Filmemachers und TV-Moderators Dirk Steffens nach Kosel geholt, um anhand dessen einen offenen Dialog über Tierhaltung zu beginnen und für mehr Transparenz zu sorgen. Ihr Ziel: Der Film, wie auch die anschließende Diskussion, sollen nicht anklagend oder spaltend sein, sondern sollen die Suche nach einer gemeinsamen Lösung erleichtern, so Stüben. Sowohl der Landwirt habe berechtigte Interessen, um mit der Betriebserweiterung seinen Betrieb zu stärken, als auch die Bürger und Kunden, „es geht um eine Win-win-Situation“, sagte Stüben.

Der Tenor des Films, den der in Kosel mit Zweitwohnsitz beheimatete Steffens 2014 für das ZDF drehte, war, dass „die Verbraucher die Macht haben, etwas zu ändern“. Dies bedeutet aber, dass der Verbraucher auch anfängt zu denken und „der Verlockung von Billigfleisch widerstehen muss“, wie Susanne von Redecker feststellte. Solange da Nachfrage bestehe, werde sich nichts ändern, so ihre Befürchtung.

Von nicht „echten Preisen“ für das billig verkaufte Fleisch sprach Stefanie Pöpken vom Verein Pro Vieh aus Kiel. So werde dabei nicht berücksichtigt, dass für in Deutschland erzeugtes Fleisch beispielsweise in Südamerika Urwälder gerodet (Anbau von Futtermitteln), Menschenrechte missachtet und durch die Lieferung von Produktionsresten nach Afrika dort Märkte zerstört werden. Hinzu kämen vielfache Umweltzerstörungen hier wie auch eine ungesunde Ernährung allgemein. „Das ist ein globales Problem.“

Zusätzlich führte Helmut Knabe, er ist Arzt im UKSH, die Gefahren aus einer möglichen Belastung durch antibiotikaresistente Keime an, die bei Massentieranlagen entweichen können. „Am Ende zahlen alle einen hohen Preis für Billigfleisch.“

Als individuelle Lösung schlugen Hans-Jürgen Rübenach und Simon Lucas vor, doch selber ein paar Hühner zu halten. Sie täten das seit Jahren und wären glücklich damit. Da sie das gesamte Tier verwerten, sei auch die Wertschätzung des Tieres deutlich höher. Der deutsche Kunde kaufe nur Brust und Keule, so Pöpken, daher werde der Rest ja auch beispielsweise nach Afrika verkauft.

Kosels Bürgermeister Hartmut Keinberger rief die Bürger auf „Kaufen sie in der Region“ und verwies unter anderem auf den Wochenmarkt und den Dorfladen, aber auch auf weitere Verkaufsstellen. Zugleich stellte er fest, dass vielleicht nicht jeden Tag Fleisch auf dem Tisch sein müsse, und man so mehr Geld für Qualität habe. Zu dieser Einsicht kam auch Steffens im Film und sprach vom „zurück zum Sonntagsbraten“.

Als Problem der heutigen Landwirtschaft sprach Sönke Hansen den Verlust einer normalen, mittelständischen Landwirtschaft an. Es gäbe entweder nur teuere Bioqualität oder aber billige Massenproduktion, der Landwirt habe nur die beiden Wege, das sei politisch so gewollt. Dem normalen Landwirt, der zwar konventionell produziert, dem fehle einfach der Markt, sagte er.

„Landwirte brauchen Planungssicherheit“, stellte Angela Dinter von Pro Vieh fest. Dieses könnte die solidarische Landwirtschaft schaffen. Auch wenn beteiligte Betriebe dann nicht auf Bioproduktion umstellen, so könnten sie doch ihre Produktion anpassen und so nachhaltiger handeln, ergänzte Pöpken.

Von der Schwierigkeit, sein Freilandgeflügel aus Kosel zu verkaufen, berichtete Hans-Georg Dreesen. Mal sei die Nachfrage sehr gut, einen Monat später breche sie wieder ein. So sei eine verlässliche Betriebsführung sehr schwer, erläuterte er.

Grundgedanke für weitere Gespräche soll die Idee sein, dem Koseler Landwirt etwas anzubieten, damit er durch eine anderen Gewinnerzielung vielleicht nicht den Stall baut oder anders, sagte Claudia Piehl. „Und jeder kann mitmachen und bei sich anfangen“, fasste Angela Dinter zusammen.

In einer Liste trugen sich 20 Interessierte mit ihrer E-Mailadresse ein. Über diesen Verteiler sollen weitere Veranstaltungen, aber auch die Möglichkeit eines „Runden Tisches“ abgestimmt werden.

Kontakt: k.stueben@gmail.com

Runder Tisch – Koseler Landwirt für Gespräche bereit

„Für Gespräche bin ich immer bereit“, sagt Tobias Hansen auf Nachfrage der EZ. Der Landwirt aus Eschelsmark würde sich an einem „Runden Tisch“ beteiligen, wie bei einer Infoveranstaltung am Mittwochabend ins Gespräch gebracht wurde (siehe diese Seite). Er sei immer froh, wenn er über sein Vorhaben, den Bau eines Hähnchenmaststalls, aufklären könne. „Viele wissen nicht, was ich vorhabe“, sagt er und fragten ihn auch nicht. Wer denkt, seine Anlage sei vergleichbar mit der, die Dirk Steffens in seinem Film „Projekt Hühnerstall“ als konventionelle Anlage vorstellte, der irrt. Hansens Anlage wird nach neuesten Erkenntnissen und Auflagen nach dem Siegel Tierwohl gebaut. Das heißt, Hansen wird unter anderem maximal 18 Tiere je Quadratmeter Stall halten, gegenüber 24 Tieren, wie in der Anlage im Film. Hansens Tiere werden Tageslicht haben, es werden Fenster eingebaut und der Boden und der Einstreu werden den Tieren natürliches Scharren ermöglichen. Es werden sowohl Strohklappen als auch Picksteine eingebracht, um den Tieren Beschäftigung zu ermöglichen. Grundsätzlich ist ihm das Wohl seiner Tiere wichtig, und das möglichst ohne Medikamente.

Anstatt den Bau von neuen Ställen, die höhere Anforderungen an die Haltung erfüllen müssen, zu verhindern, sollten eher Altanlagen ersetzt werden, schlägt Hansen vor. Wenn es Landwirten erleichtert würde, Altanlagen durch neue zu ersetzen, dann könnte man sicher mehr erreichen, so seine Vermutung. Über seinen eingereichten Bauantrag wurde noch nicht entschieden, teilte Hansen mit.

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