zur Navigation springen
Eckernförder Zeitung

17. Oktober 2017 | 14:15 Uhr

Ausstellung : Bilder, die wachrütteln sollen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Fotos beschäftigen sich mit den Facetten der Sucht / Fotograf Christoph Simonis gibt heute eine Einführung

shz.de von
erstellt am 06.Feb.2014 | 06:00 Uhr

Geschluckt und geschwiegen hatte er jahrelang, nun geht er seit vergangenem Jahr mit dem Thema Sucht an die Öffentlichkeit: Christoph Simonis, gelernter Landschaftsgärtnermeister und ambitionierter Fotograf. Noch bis zum 28. März stellt er seine Fotoausstellung „Schlucken und Schweigen“ in den Räumen der Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung in Altenholz aus.

Seine ersten Suchterfahrungen machte er im Alter von eben über 20 Jahren mit einem Aufputschmittel. „Da konnte ich richtig zupacken, schwere Arbeit war kein Thema“, so der 58-jährige Kronshagener. Nach einem Entzug folgte eine achtjährige trockene Zeit, in der er weder Tabletten noch Alkohol konsumierte, bis er 1997 als Schmerzpatient aufgrund einer Rückenerkrankung, wie er in einer Kurzbiografie selbst schreibt, „endlich wieder einen Grund hatte“. Was folgten, waren 22 Jahre Medikamentenabhängigkeit, in den letzten zwei Jahren kam Alkohol hinzu. Eine Zeit mit allen Höhen und Tiefen, wobei Letztere überwiegt haben dürften: mehrere Entzüge in diversen Kliniken, eine Therapie, die er umgehend wieder abbrach, oder auch die Angst, dass einer der konsultierten Ärzte den Hahn zudreht und das zur Befriedigung der Sucht benötigte Medikament nicht verschreibt. „Ich war zu der Zeit selbstständig und hatte einen unheimlichen Druck hinsichtlich der Arbeit“, so Simonis.

Die Wende kam 2010, als er aufgrund von Erwerbsunfähigkeit verrentet wurde. Da entschied er sich für eine Therapie in der „Tagesrehabilitation für suchtkranke Menschen Kiel“ (TASK) der Stadtmission. Während dieser Therapie entstand auch die Idee, seine Suchterkrankung in Fotos und Texten aufzuarbeiten.

Fotografiert hatte Christoph Simonis schon seit 35 Jahren, nur die Motive wechselten: Statt sich weiterhin „durch die Botanik“ zu fotografieren, folgten nun Bilder zum Thema Sucht. „Es sollen keine schönen Bilder sein“, so der Fotograf. Und weiter: „Die Fotos sind in nüchternem Zustand gemacht, zeigen rückblickend aber das, was ich durchgemacht habe bis hin zu Bildern, die das zeigen, was man beispielsweise im Delirium erlebt“. Und so muss der Betrachter es aushalten, sich um ein menschliches Auge drapierte tote Mäuse anzusehen. Denn die Bilder kommen, wie Simonis betont, sehr authentisch daher. Sie bestehen aus einzelnen Fotos, die per Bildbearbeitung zusammengefügt und farblich stark bearbeitet wurden.

Dass die 27 großformatigen Bilder sowie die 35 von Christoph Simonis verfassten Texte, die trotz aller Ernsthaftigkeit des Themas eine gewisse Portion Ironie oder auch Sarkasmus nicht vermissen lassen, als Wanderausstellung zu sehen sind, verdankt Simonis den Alsterdorfer Anstalten, die den Druck übernommen haben. Die Resonanz auf die Ausstellung ist laut Simonis sehr positiv. „Abhängige selbst meiden die Ausstellung meist, es betrifft sie schließlich selbst. Aber Nichtkonsumenten oder auch Angehörige von Abhängigen reagieren durchweg positiv“, hat Simonis festgestellt. Und gerade über Angehörige oder Dritte, die als oftmals Co-Abhängige meist auch schweigen, kann dem Abhängigen letztendlich geholfen werden – vorausgesetzt, er will es selbst auch.

Dass Christoph Simonis an die Öffentlichkeit geht, begründet er damit, dass es ihn stärkt, nach außen offen mit dem Thema umzugehen, nichts mehr zu verschweigen. Und er hofft, damit auch sowohl Süchtige als auch Gefährdete, von denen es eine gigantische Zahl gibt, wachzurütteln.

 

> „Schlucken und Schweigen – Sucht in der persönlichen Rückschau mit Fotos und Texten des Fotografen Christoph Simonis“ ist bis zum 28. März zu sehen in der Fachhochschule für Verwaltung und Dienstleistung, Rehmkamp 10, montags bis donnerstags jeweils 9 bis 17 Uhr, freitags 9 bis 15 Uhr. Heute um 12 Uhr findet im Auditorium eine Einführung in die Ausstellung mit Christoph Simonis statt. Führungen mit dem Fotografen können vereinbart werden unter Tel. 0431 / 33 02 07 oder schluckenundschweigen@yahoo.de. Dort ist auch der Ausstellungskatalog mitTipps für Betroffene und Angehörige zu bestellen (Kosten: 10 Euro). Infos zur Tagesrehabilitation: www.stadtmission-kiel.de/suchthilfe-die-tagesklinik-task.html.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen