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Fangquoten : Berufsfischerei hat arg zu kämpfen

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die jährliche Quotenkürzungen belasten die kleinen Familienbetriebe in den Ostseehäfen. Fischer hoffen auf baldige Erholung des Dorschbestands.

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erstellt am 12.Okt.2017 | 06:55 Uhr

Eckernförde | Wissenschaft trifft Praxis. Oder: Fangquote trifft Fischer. Die dürfen 2018 laut Beschluss der EU-Fischereiminister in der westlichen Ostsee deutlich weniger Hering (- 39 Prozent) und etwas weniger Scholle (-10 Prozent) anlanden. Die Fangquote für den Dorsch, den Brotfisch der Fischer, bleibt unverändert auf niedrigem Niveau, nachdem die Quote für das laufende Jahr um 56 Prozent gekürzt worden war. Im laufenden Jahr dürfen die Fischer nach Angaben des Fischereiverbandes in der westlichen Ostsee rund 15  600 Tonnen Hering und knapp 1200 Tonnen Dorsch fangen.

Die neuen Fangquoten waren gestern Morgen immer wieder Thema im Eckernförder Hafen. Bei den fünf Berufsfischern, die von ihrem Fang leben und ihre Familien ernähren müssen, aber auch bei den Nebenerwerbsfischern und bei den Kunden, die ihren Fisch direkt am Kutter kaufen. Und die über die Jahre immer wieder verringerten freigegebenen Fangmengen haben bereits erste Opfer gefordert: Allein in Eckernförde sind zwei Fischer ausgestiegen.

Einer von ihnen ist Björn Mahrt. Der junge Mann arbeitet jetzt als Decksmann auf dem Forschungsschiff „Alkor“ des Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Bis vor kurzem fuhr er noch gemeinsam mit seinem Bruder Lasse auf der „Gotland 2“, einem Fischkutter mit Heimathafen Eckernförde. Lasse Mahrt (34) ist dabei geblieben, für ihn reicht der Ertrag – noch. Aber jede Fangquoten-Reduzierung macht auch ihm das Leben schwerer. Der gelernte Zimmermann ist seit 2013 selbstständiger Fischer und liebt seinen Beruf. „Die Quoten werden jedes Jahr gekürzt, irgendwann muss man doch mal die Erfolge sehen“, hinterfragt Lasse Mahrt die von Wissenschaftlern vorbereiteten Beschlüsse der Fischereiminister kritisch. Gerade beim Dorsch sei davon nichts zu sehen, die Fänge seien deprimierend schlecht. Jungfisch gebe es zwar viel, aber kaum maßigen Exemplare. Die Schollen-Fänge hingegen seien gut. Die Ausgleichsprämien für die verordneten 30 fangfreien Liegetage zwischen Januar und Juni in Höhe von 120 Euro pro Tag verschaffen ihm zwar ein wenig Linderung, sind aber alles andere als das, was er sich wünscht. Die Fischer wollen ihre Fangquoten abfischen – bei Lasse Mahrt sind das fünf Tonnen Scholle und sechs Tonnen Dorsch. Der Hering spielt bei ihm keine Rolle. Wenn die Heringsquote nächstes Jahr in den Keller rauscht, rechnet Mahrt mit Abwanderungen von Heringsfischern in die Dorsch- und Schollenquote.

Ähnliches Bild bei seinem jungen Kollegen Mike Hamann aus Strande. Doch der 22-Jährige selbstständige Berufsfischer hat ein noch größeres Problem: Da sein Kutter in den vergangenen drei Jahren nicht unterwegs war und die erforderlichen jährlichen 150 Seetage nicht zusammengekommen sind, „sind auch die Quoten weg“, auch Ausgleichszahlungen bekomme er nicht.

Sinkende Quoten? Alfred Böttcher nimmt’s relativ gelassen. „Was sollen wir machen?“, sagt der 67-jährige Berufsfischer, der seit 25 Jahren im Geschäft ist. Auf seinem Kutter waren gestern frische Schollen und Flundern für 4 Euro pro Kilo zu haben, Dorsch kostet einen Euro mehr. Solange er noch fit bleibt, will Alfred Böttcher, der seine Netze morgens um 3 oder 4 Uhr einholt, weiter machen. Sechs Schollen hat Otto Weiße bei ihm vorbestellt. Der frühere Drucker im Druckhaus Schwensen findet den Direktverkauf am Hafen „wunderbar“ und kommt fast jede Woche vorbei. „Der Fisch ist frisch und schmeckt wunderbar“, lobt er die Qualität. Weiße hofft, dass die Fischer trotz Quotensenkung überleben können.

Das treibt auch Dirk Sander, den Vorsitzenden des Verbandes der Deutschen Kutter- und Küstenfischer, um. „Mit den Gesamtfangmengen können wir nicht leben.“ Er rechnet damit, dass viele Betriebe aufgeben müssen. Er fordert eine Erweiterung des Nothilfeprogramms auch auf die Heringsfischer und Ausgleichszahlungen des Bundes für die befristete Stilllegung der Kutter.

„Diese ständigen Quotensprünge sind für uns nicht nachvollziehbar“, monierte der Vorsitzende des Landesfischereiverbandes, Lorenz Marckwardt aus Eckernförde. Die Kürzung der Hering-Fangmenge sei für die Betriebe ähnlich katastrophal wie die Kürzung der Dorsch-Fangmengen um 56 Prozent im vergangenen Jahr.

Greenpeace-Meeresexperte Thilo Maack sieht in der industriellen Massenfischerei eine der Hauptursachen für die geschrumpften Fischbestände. „Die Leidtragenden sind die mit traditionellen Methoden arbeitenden Küstenfischer.“

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