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Bernd Stelter: Comedian mit kritischen Zwischentönen

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Nordrhein-Westfale nach zwei Jahren wieder in Eckernförde / Rund 200 Besucher in der Stadthalle

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erstellt am 03.Aug.2013 | 05:59 Uhr

Eckernförde | Als Bernd Stelter durch die Reihen der Stadthalle blickt, runzelt er verwundert die Stirn. "Ich bin offensichtlich nur von fröhlichen Menschen umgeben. Sind denn auch Deutsche hier?" Dem 52-jährige Comedian ("7 Tage, 7 Köpfe") können die rund 200 Zuschauer am Donnerstagabend trotz anhaltender Lachstürme nichts vormachen: Gerade mal auf Platz 47 befinden sich die Deutschen auf der Weltzufriedenheitsskala - noch hinter Nigeria und Ruanda. Und doch schüttelt sich Stelters Publikum, wenn der runde Blondschopf erst einmal loslegt.

Vor zwei Jahren war Stelter schon einmal in der Stadthalle zu Gast - mit demselben Programm "Mundwinkel hoch" und denselben Gags. Damals war die Stadthalle voll, jetzt kamen wohl nur diejenigen, die das Programm noch nicht kannten.

Immer wieder schlüpft er in verschiedene Rollen, gibt mal den Yogaschüler Helmut, mal den unfreiwilligen Fitnessjunkie oder den Jugendlichen aus dem Ghetto. Einen Familienausflug zum Flohmarkt ("Antiquitätenstrich") schildert er aus der Sicht des mutmaßlich durchschnittlichen deutschen Jugendlichen mit Hosen in den Kniekehlen. "Von Büchern bekomm ich Augenherpes. Aber dann hab ich die Geschichte vom Kanalkermit ausgecheckt von diesem Grimm, Vorname Gebrüder. Von dem ist auch Die Ische mit dem roten Hut, die im Sommer so Essen-auf-Rädern-mäßig unterwegs ist. Als sie nen Wolf trifft, fragt er sie, was sie im Körbchen hat. "75 D", sagt sie, "geil was?" Schallendes Gelächter - doch ein Nachgeschmack bleibt.

Meditations- und Pilatesanfänger Helmut ist zuversichtlich: "Pessimisten sagen: Alle Frauen gehen fremd. Ich bin Optimist und sage: Na Hoffentlich!" Seine Zeit verbringt er am liebsten im Lotussitz, denn meditieren sei immer noch besser als rumsitzen und nichts tun.

Heiner Wiegand aus Osnabrück geht dagegen vor Langeweile fast ein. "Osnabrück", stöhnt er, "ist so öde - es ist die einzige Stadt, in der Jörg Kachelmann keine Geliebte hat." Er wünsche sich nichts so sehr wie sein eigenes Leben als reißerische Titelstory der Bild-Zeitung: "Meine Tochter lässt sich die Brüste machen, hat Sex mit einem bekannten Wetterexperten und zieht mit ihm ins Dschungelcamp!"

Stelter schüttelt den Kopf. "Reality", so der Nordrhein-Westfale "ist alles, aber nicht das Leben. Und würden wir den Schrott nicht gucken, würde es das alles gar nicht geben."

Gerade die leisen, kritischen Zwischentöne sind es, die Stelter an diesem Abend so sehenswert machen. Wenn er die Akustikgitarre zur Hand nimmt oder sich gar ans Klavier setzt und die Ballade von der Freiheit zur Zeit des Mauerfalls singt, dann tut er dies mit viel Feingefühl und beweist: Er ist ein begabter Musiker und hält von dem Medienzirkus, der auch ihm zur Bekanntheit verhalf, kaum etwas.

Ob Krittelei oder derbe Gags - der Comedian hat die Zuschauer auf seiner Seite und sein Ziel erreicht: Ein paar hundert Mundwinkel, hochgezogen bis zu den Ohren.

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