Ben Bowling entdeckt den Biodiesel Blues

'Doc'  Bowling and His Blues Professors traten erstmals in Deutschland auf. Foto: Flügel
"Doc" Bowling and His Blues Professors traten erstmals in Deutschland auf. Foto: Flügel

shz.de von
19. Juni 2013, 03:59 Uhr

Hütten | Mit "Me and the Devil", einem erdigen Stück von Robert Johnson, der als wichtigster Vertreter des Delta-Blues gilt, lotsten die englischen "Doc Bowling and His Blues Professors" die Zuhörer im proppevollen Hüttener Krug mitten in ihren Kosmos. Gleich der zweite Song ist ein eigener: In "New World War (is a Drug War)", wird die quasi religiöse Ebene, in der man den Teufel fürchtet und vor Geistern auf der Flucht ist, verlassen und in moderner Variante wieder aufbereitet: Die Bedrohung geht von Drogen aus und zwar auf der ganzen Welt. Dieser Teufel in moderner Gestalt zerstört die einen, macht die anderen reich, bricht Kriege vom Zaun, ist verantwortlich für Elend und Tod.

Ein unheimlich sympathischer Ben "Doc" Bowling baut mit Gitarre und Blues Harp eine Idylle auf, die er mit seinen Musikern im Laufe der nächsten Minuten auf dem Asphalt wieder zerschmiert. Die Musik der Truppe aus England nimmt Fahrt auf, Blues-Riffs von Huddy Leadbetter, Big Bill Broonzy oder Muddy Waters werden ausgeklinkt und abgewandelt, wie Bowling erklärt; eigene Texte von großer Aktualität lassen die Menge erst grinsen, dann stocken, dann nachdenken. "Last summer bei Hoffnungsthal: Das war schrecklich, wie im Gefängnis - überall Mais. Und diese terrible green pyramids", die Biogasanlagen mit ihren riesigen Kuppeln... "Baaaad signs...!", imitiert er schmunzelnd den beschwörenden Ton eines Reverend in der Kirche. Und singt im "Biodiesel Blues" von "bitter corn", der "sweet corn" (Süßmais) verdrängt, fragt: "Must the poors go hungry, just that the rich can drive...?" (Sollen die Armen hungern, damit die Reichen fahren können?)

Der Londoner Bluesman Bowling führt gut gelaunt durchs Programm. Im zweiten Set geht die Rechnung voll auf: Bowlings Vorhersage, nach einer kurzen Pause, einem Bierchen oder einem Wein für das Publikum, das Tempo mit einem leicht gelockerten Saal anzuziehen, tritt so ein. Die Musiker machen Druck, der Saal geht mit, in "St. James Infirmary" machen drei Helfershelfer an den Saxophonen den Sound noch fetter, ist spontaner Applaus an der Tagesordnung - die Professoren haben den Saal im Sack. Als die Sonne, die Felder und Häuser in weiche Pastelltöne tauchte, fast hinter den Bäumen verschwunden ist, geht auch ein großartiger Abend zu Ende.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen