zur Navigation springen

Interview : „Bei uns fällt man als Mann nicht mehr auf“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Seit 2012 ist Marco Lemke Leiter des Holtseer Kindergartens / In dieser Position ist der 42-Jährige einer von wenigen männlichen „Exemplaren“

Holtsee | Männer sind Mangelware in Kindergärten. In Holtsee ist das anders. Hier arbeiten mit Marco Lemke (42), Kay Neumann (39) und Marcel Walterscheid (38) gleich drei männliche Erzieher. Damit sind rund 30 Prozent der Kindergärtner männlich – im Schnitt sind es im Bund nur knapp fünf Prozent. In Holtsee ist sogar ein Mann der Leiter der Einrichtung. Im Interview spricht Marco Lemke mit EZ-Redakteur Achim Messerschmidt über seinen Beruf, in dem Männer immer noch als Exoten gelten.

Wieso haben Sie als einer der wenigen Männer den Erzieherberuf im Kindergarten für sich gewählt?
Die Arbeit mit Kindern ist sehr abwechslungsreich und wertschätzend. Kein Tag gleicht dem anderen und ich komme stets sehr gern zur Arbeit. Während meiner Ausbildung, die ich von 2001 bis 2004 in Schleswig gemacht habe, hatte ich den Wunsch, im erlebnispädagogischen Bereich zu arbeiten. Hierzu fehlt es allerdings an Arbeitsstellen. Nach der Ausbildung habe ich im Kinderheim gearbeitet und fing dann im April 2005 im Kindergarten an.
Ich kann auch heute noch sagen, dass es die richtige Entscheidung war.

Was sind die schönen Seiten Ihres

Berufs?
Die Vielfältigkeit und die Dankbarkeit. Wir haben täglich die Möglichkeit mit den Kindern die Welt zu entdecken. Dies kann eine Projektarbeit sein, in der wir unsere Talente einbeziehen, kann aber auch das Freispiel sein, in dem wir die Kinder beobachten und sie bei Bedarf unterstützen. Und der Dank ist großartig. Ich bin ja seit September als Vertretung in allen Gruppen tätig und wenn ich dann mal eine Gruppe besuche, werde ich immer herzlichst begrüßt und die Kinder kommen zu mir und freuen sich mich wieder zu sehen.

Gab es für Sie Alternativen zu diesem Beruf?
Ich wollte nach der Bundeswehr weiter mit Menschen arbeiten, daher konnte ich auf meinen ersten Ausbildungsberuf „Industriekaufmann“ nicht weiter aufbauen. Mit der Erzieherausbildung hat man hierfür ein sehr breites Tätigkeitsfeld, wobei ich ja am Ziel angekommen bin. Mein Ziel war, nachdem ich einige Jahre in der Gruppe gearbeitet habe, Kindergartenleitung zu werden. Die Kombination aus pädagogischer und organisatorischer Arbeit hat mich schon früh gereizt. Um mich noch weiter zu qualifizieren, habe ich von Januar 2012 bis Dezember 2013 noch meinen Fachwirt im Sozial- und Gesundheitswesen gemacht.

Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Berufswahl reagiert?
Da gab es kein Veto. Aus der Familie kam schon die Idee, dass ich lieber auf den Kaufmann aufbauen sollte, aber das wollte ich nicht. Einer meiner Kameraden bei der Bundeswehr hatte ebenfalls die Erzieherausbildung gemacht und war begeistert. Somit stand mir nichts mehr im Weg.

Gab es auch Vorbehalte gegen Sie von Kolleginnenseite?
Ich bin seit 2005 nun im dritten Kindergarten und alle Kolleginnen waren froh und begeistert, als sie einen männlichen Kollegen bekommen haben. Auch aus Elternsicht gab es viele positive Rückmeldungen. Es gibt ja bundesweit vielleicht fünf Prozent Erzieher im Kindergarten, wir haben in Holtsee rund 30 Prozent. Hier fällt man als Mann nicht mehr auf. Ich fühle mich im Holtseer Kindergarten sehr wohl und bin dankbar, dass ich so ein tolles Team habe. Auch die Zusammenarbeit mit dem Vorstand und anderen Institutionen verläuft reibungslos, unkompliziert und zielorientiert. Es ist also ein Arbeitsplatz, in dem man alt werden kann.


Was meinen Sie, braucht man männliche Erzieher im Kindergarten überhaupt?
In jedem Fall. Kinder brauchen Mütterlichkeit und Väterlichkeit. Es ist auch egal, wer was ausstrahlt. Es gibt auch mütterliche Väter oder väterliche Mütter. Es geht hier um das Grundsätzliche. Mütterlichkeit ist eher das Geschützte und Behütete und Väterlichkeit das Fordernde. Dieses Wechselspiel regt die Kinder in ihrer Entwicklung und Entfaltung an.

Was ist Ihre wichtigste Aufgabe im Kindergartenalltag?
Die größte Aufgabe ist es, die Übersicht zu behalten. Ich habe gegenwärtig die Verantwortung für 54 Kinder und zehn Mitarbeiter, die alle ihre Bedürfnisse haben. Dazu kommt dann noch ein sehr großer Teil Verwaltungsarbeit und die Zusammenarbeit mit dem Träger und anderen Institutionen. Alle daraus anfallenden Aufgaben muss ich für mich priorisieren und entsprechend abarbeiten. Klingt spannend, ist es auch. Vor allem vielseitig.

Was fehlt aus Ihrer Sicht im System, um mehr Männer für diesen Beruf zu begeistern?
Da Männer meist die Hauptverdiener sind, fehlt es in der Regel an Vollzeitstellen. Das Erziehergehalt wurde in den letzten Jahren tatsächlich erheblich angehoben, so dass man auch als Hauptverdiener gilt. Ich kann hier allerdings nur für den Tarif des öffentlichen Dienstes sprechen und nicht für die vielen Haustarife.

Welche Pläne haben Sie für die kommende Zeit im Holtseer Kindergarten?
Wir haben, trotz Erweiterung, jetzt schon eine Warteliste für das kommende Kindergartenjahr. Die Anmeldefrist endet aber erst am 28. Februar 2017. Die längste Warteliste gibt es im U3-Bereich, so dass wir vermutlich nicht alle Kinder aufnehmen könnten. Hierzu hätte ich jedoch einen Lösungsvorschlag, den ich in groben Zügen schon dem Träger und dem Bürgermeister vorgestellt habe. Wir könnten nämlich über das Modell der institutionellen Tagespflege eine Kleinstgruppe in den Kindergartenbetrieb aufnehmen und somit alle Kinder aufnehmen. Ein Plan und Wunsch ist somit für mich, die 100 prozentige Bedarfsdeckung für alle Holtseer Kinder, die einen Platz bei uns haben wollen. Eine Abstimmung mit dem Kreis Rendsburg-Eckernförde muss hierfür natürlich zeitnah erfolgen.

Außerdem haben wir in einer Arbeitsgruppe, unterstützt von unserer Fachberatung, ein Qualitätsmanagement-Rahmenhandbuch entwickelt. Dieses wollen wir im Team (pädagogische Schwerpunkte), im Leitungsteam (meine Stellvertretung und ich) und ich (organisatorische Schwerpunkte) auf unseren Kindergarten anpassen.












Karte
zur Startseite

von
erstellt am 30.Dez.2016 | 06:12 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen