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Bärenruhe, Schwizer Dütsch und stilechte Jodler aus 17 Kehlen

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erstellt am 17.Aug.2013 | 07:26 Uhr

Eckernförde | Am ersten Sonntag im Juli 2013 war ich nach langer Zeit mal wieder mit meinem alten Chor, der "Postliedertafel von 1888 Flensburg" auf Sommertour. Der Männerchor feierte genau vor 25 Jahren sein 100-jähriges Bestehen. Wir waren damals 66 aktive Sänger und hatten zur Feier des Tages acht andere Chöre in das "Deutsche Haus" in Flensburg eingeladen. Einige Mitglieder unseres Chores übernahmen die Betreuung der eingeladenen Gastchöre. Ich war mit zwei anderen Sangesbrüdern für einen Chor aus der Schweiz zuständig, der sich "Bahn-Post-Jodlerchor, Bern" nannte. Pünktlich empfingen wir sie am Bahnhof. Damit sie uns gleich erkennen konnten, hielten wir eine viereinhalb Meter lange Schweizer Fahne der Länge nach ausgebreitet bereit. Mit Riesenschritten kam die Gruppe kräftiger Burschen in Schweizer Tracht auf uns zu. Der erste trug einen Schweizer Wimpel an einer Fahnenstange voran. "Ach, rief er uns zu: "chabt Ihr auch ein Fähnli mitgebracht? Wir hatten nicht nur ein "Fähnli" mitgebracht, sondern auch eine Flasche "Bommerlunder mit Pfläumli" - als Willkommensgruß. Bevor wir sie überreichten, baten wir die Männer noch auf dem Bahnhof um eine Gesangsprobe. "Ja, da machen wir einen Kreis", sagte der Anführer, und es erklang in der Bahnhofshalle ein glockenrein vorgetragener Jodler. Alle Leute blieben stehen, zollten viel Beifall und riefen: "Zugabe!"

Unsere Jubiläumsfeier ging über mehrere Tage, so dass wir die Gesangsgruppe besser kennenlernten. Es war nicht nur "das "Schwizer Dütsch", das für uns gewöhnungsbedürftig klang. Gleich am ersten Tag nahm mich ein schwizer Sänger beiseite und fragte eindringlich: "Chabt Ihr im Dütschen Hus auch ein Bühnli?" Ich bejahte. Er fragte weiter: "Ist das Bühnli auch zwei Meter tief?" " Jaja", sagte ich, schon etwas erstaunt über die Frage. "Ist es etwa auch vier Meter tief?" "Ja, ganz bestimmt", sagte ich. Nun aber holte er zur letzten Frage aus: "Aber ist es auch acht Meter tief?", Mir wurde die Fragerei zu dumm, und ich erklärte ihm, dass die Bühne sehr groß sei und eine Tiefe von ca. 12 - 15 Metern hätte. "Das ist sehr gut", sagte er, "ich chab nämlich mein Alphörnli mitgebracht!"

Die Schweizer Naturburschen hatten alle die Ruhe weg, nichts konnte sie erschüttern. Während unser Chor schon minutenlang vor dem Öffnen des Vorhangs mit mehr oder weniger weichen Knien unserm Auftritt entgegenfieberten, standen die Schwizer Sänger ungeordnet unterhalb der Bühne, rauchten vorher noch ihr Zigarettli oder prosteten sich mit einen Bommerlunder mit Pfläumli zu. Kurz bevor der Vorhang sich öffnete stiegen sie nach oben. Dort steckten alle Sänger erst mal die Hände tief in die Taschen ihres Trachtenanzuges, während sie einen Kreis bildeten. Einer nickte und der Jodler erklang im Gleichklang der höchsten Kopfstimmen und der tiefsten Bässe. Sie brauchten für ihren Vortrag weder Dirigenten noch Chorleiter. Alles klappte wie am Schnürli. Ihre Chorgemeinschaft bestand aus 17 und vier Sängern, von denen die vier nur einspringen durften, wenn einer der 17 Hauptsänger ausfiel. Ihr Repertoire bestand aus unterschiedlichen Jodlern, meist ohne Text.

Auf meine Bitte hin, uns ein paar Tonbänder oder Schallplatten zu verkaufen, erklärte mir der Vorsänger wörtlich: "Wir haben ja einen Materialmann. Der hat sich acht Schallplättli und acht Tonbändli zurrechtgelegt. "Toll", riefen wir erfreut, und wo sind sie? "Ja", meinte er seufzend, "er hat sie leider vergessen."

Auf meine Frage hin, warum einige ihre Frauen nicht mitgebracht haben, erklärte mir der älteste Sänger kurz und knapp: "Erschtens wird die Reise nur chalb so teuer und zweitens hat es doppelt so viel Freude".

Der Tag des Abschieds kam. Um Mitternacht sollte der Zug mit den Schweizer Sängern wieder Richtung Heimat fahren. Wir waren zur Verabschiedung erschienen und überreichten unseren Freunden als Wegzehrung eine Flasche "Bommi mit Pflaume". Ein Jodler klang auf und die Hüte wurden geschwenkt. Endlich hatten sie im Extra- Waggon Platz gefunden. Der Bahnhofsvorsteher hob die Kelle. Da öffnete sich das Abteilfenster und eine Stimme rief: "Du kannscht das Zügli noch nicht fahren lassen, es fehlt noch einer!" Der Diensthabende ließ verdutzt seine Kelle sinken. Tatsächlich sahen wir kurz darauf einen jungen Sänger, der in Windeseile die Stufen zu den Bahnsteigen emporeilte. Ohne Abschiedsgruß schlug er die Waggontür hinter sich zu. Da rief die Stimme aus dem Abteilfenster dem Fahrdienstleiter: "So, jetscht kannscht Du ihn fahren lassen!"

Den Chor gibt es heute leider nicht mehr. Auch meine Bemühungen über ihre Chorauftritte etwas zu erfahren waren vergebens. Wieder ist ein Stück volkstumseigener Musik sang- und klanglos verschwunden.

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