Aus russischer Gefangenschaft entlassen

Thomas Mehl, Foto um 1950.
Thomas Mehl, Foto um 1950.

Das schwere Schicksal von Kriegsheimkehrern

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11. Juni 2018, 17:08 Uhr

Thomas Mehl gehörte zu den letzten deutschen Soldaten, die nach Verhandlungen Konrad Adenauers mit den russischen Behörden aus der Kriegsgefangenschaft entlassen wurden. Meine Familie, damals in Oberfranken, schmückte ihre Wohnungstür mit einem Schild „Herzlich willkommen“, holte ihn vom Bahnhof ab und versuchte, ihn in ihr Alltagsleben zu integrieren. Doch der Spätheimkehrer, abgemagert und mit tiefen Falten im Gesicht, zog sich in eine Dachkammer zurück und erschien nur zu den Essenszeiten. Wir Kinder der Familie durften den Verschlossenen besuchen, wir bewunderten die Schnitzarbeiten, die der ehemalige Holz-Ingenieur in seiner bescheidenen Werkstatt fertigte. Über die Vergangenheit in einem russischen Lager erzählte er nichts, selbst wenn die Kinder ihn mit großen Augen darum baten. Die Erwachsenen hatten, mit Blick auf die gebeugte Körperhaltung und die verarbeiteten Hände, längst aufgehört zu fragen.

Mit der Zeit fand sich der stille Mann mit den neuen Bedingungen zurecht, begann die Zeitung zu lesen, erste Kontakte zu knüpfen. Mit seiner ruhigen, fast schüchternen Art nahm er Menschen für sich ein. Das beginnende Wirtschaftswunder schuf viele neue Stellen, besonders gesucht beim Wiederaufbau der Städte wurden Ingenieure. Thomas Mehl fand eine Stelle als Hochbau-Ingenieur in der unterfränkischen Stadt Schweinfurt, nahm dort eine Wohnung und begann wieder in seinem Berufsfeld der Vorkriegsjahre zu arbeiten. Was er in Russland erlebt hatte, gab er auch jetzt nicht weiter. Nur einmal, nach einem Glas Wein, erzählte er: „In der Gefangenschaft traf ich eine Russin, die mir prophezeite, dass einmal eine blonde Frau mein Ende bedeuten würde“.

Thomas hatte inzwischen eine kluge und liebenswerte Frau kennen gelernt, allein stehend, mit einer kleinen Tochter lebend. Wie bei vielen Deutschen in den beginnenden Wirtschaftswunderjahren führte ihre erste gemeinsame Ferienreise ins Ausland nach Italien – die kleine Familie machte Urlaub am Gardasee. Für Thomas bedeuteten die kommenden Tage an See und Strand eine Wiederbegegnung mit der Schönheit unserer Welt. Er spürte die Wärme seiner blonden Frau, er beobachtete sein Kind, wie es fröhlich mit einem Ball spielte.

Dann sah er, wie der Ball sein Ziel verfehlte und im Wasser landete, wie kleine Wellen den Ball vom Ufer wegtrieben, und er stand auf und rannte dem Ball nach. Der hastige Wechsel vom Sonnen im Sand hinein in die kühle See führte zu einem Herzschlag – Thomas Mehl starb und wurde in Malcesine am Gardasee begraben.


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