Weiteres Traditionsgeschäft schließt : Aus für Textilhaus Lorenzen nach 120 Jahren

Selbst ein Drachenkostüm kann Regine Struck noch anbieten. Ab dem 22. Mai startet sie den Ausverkauf. So manche originelle Verkleidung, Ölzeug und Fahnen sind dort zu finden.
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Selbst ein Drachenkostüm kann Regine Struck noch anbieten. Ab dem 22. Mai startet sie den Ausverkauf. So manche originelle Verkleidung, Ölzeug und Fahnen sind dort zu finden.

Ab dem 22. Mai startet ein fünfwöchiger Ausverkauf in dem Geschäft in der Kieler Straße. Im Juli zieht ein inhabergeführtes Geschäft aus Eckernförde in die Räume.

shz.de von
16. Mai 2018, 05:01 Uhr

Besucher der legendären Faschingsparty „Perspektive“ der Eckernförder Fachhochschule für Bauwesen und Architektur kleideten sich dort ein. Wer in Sachen Kostümierung etwas Kurioses suchte, kam an diesem Geschäft nicht vorbei. Das Textilhaus Lorenzen in der Kieler Straße war die erste Adresse für Menschen, die etwas Ausgefallenes für den Fasching, für Mottopartys oder Kinderfeste suchten. Aus ganz Schleswig-Holstein und aus Hamburg reisten die Kunden an, um sich im Textilhaus Lorenzen beraten zu lassen und zu kaufen. Das ist jetzt Geschichte. Inhaberin Regine Struck schließt das Geschäft. Ab dem 22. Mai startet sie einen fünfwöchigen Ausverkauf – dann schließt ein weiteres Eckernförder Traditionsgeschäft für immer seine Türen.

Ihr Urgroßvater Ernst Lorenzen eröffnete vor 120 Jahren in dem Haus in der Kieler Straße ein Geschäft für Manufaktur-Waren und Herren-Garderobe. In den 1920er-Jahren übernahm seine Tochter Elsa den Betrieb und führte diesen gemeinsam mit ihrem Ehemann, Kaufmann Hermann von Spreckelsen (im Volksmund Hein Blaustift) durch bewegte Zeiten. „Durch die Weigerung, der NSDAP beizutreten, wurde in den 1940er-Jahren die Ware abtransportiert und das Geschäft geschlossen“, erzählt seine Enkelin Regine (65). In dritter Generation übernahmen ihre Mutter Inge und ihr Vater Günther Smolik 1963 den Betrieb. Verkleidungen wurden zu dem Zeitpunkt noch nicht angeboten. „Früher brachten die Leute ihre Entenfedern zu uns“, erinnert sich Regine Struck, „meine Mutter hat sie dann gereinigt. Daraus wurden Federbetten gemacht.“ Bettdecken, Knöpfe und Reißverschlüsse jeder Art, Bettjacken – damals trugen die Damen Jäckchen im Bett – Tischwäsche jeder Größe, Arbeitsbekleidung und Wolle waren im Sortiment. „Mein Vater Smolik war in den Nachkriegsjahren als „Wolle Wolle“ bekannt, da er den Bedarf an Strickwaren aus einem Holzstand in der Nähe des Exers deckte“, sagt Regine Struck. Ihre Mutter Inge hatte eine heimliche Leidenschaft – das Nähen. In den 1970er-Jahren begann sie, „ihr Geschick und ihre Leidenschaft zu verbinden und fertigte auf Anfrage individuell Kostüme und Verkleidungen an.“ Damit hatte Inge Smolik den richtigen Riecher – dieser Geschäftszweig boomte im Laufe der Jahre. Mit ihrem Ruhestand 1981 verschwand der Name Ernst Lorenzen aus der Kieler Straße, das Ladengeschäft vorn wurde vermietet. Doch der Ruhestand war nicht von langer Dauer – zu sehr hingen sie an ihrem Geschäft. Kurzerhand wurde hinter dem Wohn- und Geschäftshaus ein Anbau errichtet, für den der Garten weichen musste. „Inzwischen waren sie schon Großeltern, aber sie standen immer noch im Geschäft“, so Struck. Ihre Mutter Inge (90) hat noch bis weit über 80 das Geschäft geöffnet. Vor zehn Jahren kam Tochter Regine aus Nordrhein-Westfalen zur Unterstützung. Was zunächst als Aushilfe gedacht war, entwickelte sich zum Dauereinsatz.

Viele Bilder mit Aufnahmen von Kunden, die sich in Kostümen ihrer Wahl fotografieren ließen, sind im Schaufenster zu sehen. „Es hat mir sehr viel Spaß gemacht“, sagt Regine Struck. Viele Menschen habe sie kennengelernt, darunter auch so manchen schrägen Typen. Um die Stammkunden tue es ihr sehr leid, aber diese Phase ihres Lebens sei jetzt vorüber.

Textilhaus Lorenzen,

Kieler Str. 45, Ausverkauf ab 22. Mai, Mo. bis Fr. 12-18 Uhr, Sa. 10 bis 14 Uhr

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