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Grenzkontrollen und Zollschranken : Aus der Vorzeit der EU

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Über eine beschwerliche Radtour in einem Europa der Grenzen und Zollschranken vor 60 Jahren: Der Autor beschreibt die unterschiedlichen Mentalitäten und Formalismen auf dem Weg durchs Dreiländereck Aachen. Sein Fazit: Ja zur EU ohne Grenzen

Sonnenschein, leicht bewölkt, kein Wind, angenehm warm. Beste Voraussetzungen für eine Radtour im Aachener Drei-Länder-Eck: Holland, Belgien, Deutschland. Vor nahezu 60 Jahren.

Passkontrolle am Aachener Stadtrand, an der deutsch-holländischen Grenze. Unmittelbar davor durchquerte man auf deutscher Seite einen Streifen meterhoher aus dem Boden ragender Betonkegel: als Panzersperren waren sie gedacht und Drachenzähne genannt; es sind die verbliebenen Reste der deutschen Grenzbefestigung, der Siegfriedlinie. Jetzt weiden dort Kühe.

Die Schleifspuren beider Kriege sollten mich noch weiter begleiten. Besuch auf einem Friedhof kurz vor Maastricht; hier fanden viele Tausend amerikanischer Soldaten ihre letzte Ruhestätte. Spaziergang entlang der Maas. Mir fiel spontan die erste Strophe des Deutschlandliedes ein: „... Von der Maas bis an die Memel...“ Hoffmann von Fallersleben beschrieb 1841 die Grenzen des Deutschen Bundes und nicht die des expandierten Großdeutschen Reiches. Angler am Ufer. Ihr zutiefst friedlicher Anblick glättete meine innere Unruhe, die die letzten Bilder bei mir ausgelöst hatten. An der belgisch-holländischen Grenze überraschte mich eine offen stehende Schranke, mehr Symbol als Schranke. Auf einem Hocker an ein Wachhäuschen gelehnt saß ein Uniformierter in der Sonne, Beine bequem ausgestreckt, eine Zeitung in den Händen. Ein Motiv wie aus der Biedermeierzeit.„… Bon Jour, Monsieur...“ Gegenseitiges Grüßen und freundliches Winken. Ich passierte die Grenze in Schussfahrt. Herrlich. Warum nicht überall so. Wunschdenken. Damals.

Lüttich, eine Stadt mit vielen Brücken, Kanälen und Schloten. Graue Schleier aus Industrieabgasen trübten die Luft. Auf eine Einkehr verzichtete ich, da ich nur DM bei mir hatte. Fraglich, ob man die hier akzeptieren würde. Weiter in Richtung Aachen. Aix-la-Chapelle stand auf dem Straßenschild, ohne den deutschen Namenszusatz.

Jetzt musste ich aus dem tief eingeschnittenen Tal der Maas heraus auf die Kuppen des Hohen Venn, einem hügelig, zerklüfteten Bergrücken bei den Ardennen. Zu Krüppeln zerschossene einst mächtige Eichen mit schütterem Grün bestimmten das zerfurchte, kriegsinvalide Gebiet beiderseits der Straße. Der heitere Sommertag passte so gar nicht zu dieser Landschaft. Ich dachte an jene unbekannten Soldaten, die hier irgendwo noch unter der Erde liegen müssen - neben Blindgängern. Schilder warnten vor dem Betreten bestimmter Geländebereiche. Jetzt noch werden Granaten beider Weltkriege aus dem Acker herausgepflügt. Sie töten immer noch, wenn auch selten.

Den Stadtrand Aachens vor Augen und die Müdigkeit in den Beinen ließen mich die deutsche Grenzkontrolle bei der Einreise ignorieren. Ich radelte zügig weiter und dachte dabei an den freundlich grüßenden Beamten an der belgischen Grenze. Doch sein deutsche Kollege schrie hinter mir her.„Halt - absteigen!“ Was das für eine Art sei, herrschte er mich an. Ob ich die rote Ampel nicht gesehen hätte? Ich würde das immer so machen, grinste ich ihn an. Nach einer kurzen Besinnungspause belehrte er mich über die Grenzformalitäten. Von oben herab. Von Amtsträger zu Untertan, glaubte er. Meinen Pass verlangte er nicht; ich reiste somit „illegal“ in die Bundesrepublik ein. Er hielt mich für einen dreisten Schmuggler. Die operierten seinerzeit nicht gerade selten in dieser Gegend, wobei sie ihr „Gewerbe“ anders betrieben als der Grenzbeamte es mir unterstellte.

„Ab - in die Zollbaracke!“. Schnarrender Kommisston. Ein älterer Zollbeamter, es war schon spät am Tag, schaute mich müden, aber freundlichen Auges an. „Na, was hast du denn so?“ zollpflichtige Ware vermutend, zu damaliger Zeit hauptsächlich Kaffee, Zigaretten, Spirituosen sowie einige Lebensmittel. „Was ich hätte?“ „Hunger“. Schmunzeln. „Hau‘ ab.“ Geht doch.

Hinter mir lag eine grenz-, währungs- und zollsperrige wie kriegsbeladene Radtour mit heute skurril anmutenden Erfahrungen. Sie gehören der Vergangenheit an und zu unserer gemeinsamen europäischen Geschichte, der EU. Jede barrierefreie Grenzpassage löst in mir heute noch ein wohlig, angenehmes Gefühl aus, wie ein Willkommen bei Nachbarn, die wir so nie zuvor in unserer Geschichte hatten - vor fast 60 Jahren.

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