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Eckernförder Zeitung

18. Dezember 2017 | 04:28 Uhr

Provokation : Aufforderung zum Dialog

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Landesrabbiner überrascht mit Vortrag beim Jüdischen Kulturabend in Altenholz

Altenholz | In Frieden leben kann nur, wer ein gutes Waffensystem hat. Und die Bibel sei ein grausames Buch. Mit solchen Äußerungen forderte Landesrabbiner Dr. Walther Rotschild in seinem Vortrag zum Thema Frieden den Dialog heraus. Nicht alle der gut 120 Zuhörer fühlten sich wohl damit. Da tat es gut, dass Meike Salzmann und Ulrich Lehna zwischendurch immer wieder zu Akkordeon und Klarinette griffen. – Er verlief anders als erwartet, der Jüdische Kulturabend im Eivind-Berggrav-Zentrum in Altenholz am Sonntag.

Aus Anlass des Jahrestags der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 hatte die Friedensgruppe der Kirchengemeinde Altenholz gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde Kiel, der Förde-Volkshochschule und der Gemeinde Altenholz traditionell zum Austausch eingeladen. Inna Shames von der Jüdischen Gemeinde Kiel zeigte eine Ausstellung zur Entwicklung des Judentums auf verschiedenen Kontinenten, die sie gemeinsam mit dem Diaspora-Museum in Tel Aviv ausgearbeitet hat. Sie warb für Toleranz und Vielfalt. „Wir wollen zeigen, dass es nicht nur zwischen den Kulturen sondern auch innerhalb einer Kultur erhebliche Unterschiede gibt“, sagte sie.

Miteinander ins Gespräch kommen, Vorurteile abbauen. Ein wichtiges Anliegen auch für Altenholz’ Pastor Okke Breckling-Jensen. „Nicht, weil es politisch korrekt ist, sondern weil es uns eine Herzensangelegenheit ist“, sagte er. „Unsere Aufgabe ist und bleibt, für eine gerechte, tolerante und offene Gesellschaft zu streiten.“ Erneut mache sich große Verunsicherung breit unter Menschen jüdischen Glaubens, sagte Bürgermeister Carlo Ehrich. Sei es in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien – Menschen überlegten, ob sie dort noch sicher sind. Er dankte der Friedensgruppe der Kirchengemeinde, dass sie hilft, sich mit der deutschen Geschichte auseinanderzusetzen und die Erinnerung wach zu halten.

Landesrabbiner Dr. Walther Rotschild, geboren im englischen Bradford, gefragter Gesprächspartner im christlich-jüdischen Dialog, kam mit seinem Vortrag zum Wort des Propheten Jeremia „Sie rufen Frieden, Frieden, aber es ist kein Frieden“ aus einem ganz anderen Blickwinkel daher. Mit leichtem britischen Akzent, Humor hier und da, zitierte er herausfordernd aus der Bibel, machte die dort enthaltene Bereitschaft zur Gewalt zum Thema. Auch vor dem Hintergrund des Nahost-Konflikts und der Ereignisse in Paris und dem scheinbar wachsenden fundamentalistischen Islam. „Wenn mich einer schlägt, warum soll ich die andere Wange hinhalten? Es soll Frieden sein, ja. Aber alle Parteien sollen etwas dafür tun. Das ist unsere Herausforderung.“ Ein Staat müsse sich verteidigen, meinte er. Bedeute es, das Militär abzuschaffen, Konflikte abzuschaffen? „Christen haben Schwierigkeiten mit dem Bedürfnis, sich zu verteidigen.“ Futter zum Nachdenken, wie er sagte. Und Anstoß zur Diskussion.

Die Zuhörer äußerten Zustimmung aber auch Unbehagen. Die Kriegsbereitschaft der Länder um Israel herum sei ganz furchtbar, stimmte eine Zuhörerin zu. Aber brauche man für Frieden ein gutes Waffensystem? Als Christin habe sie Schwierigkeiten damit, dass er die Bibel kritisiere. Auch andere Zuhörer meldeten sich, fühlten sich unwohl, hatten anderes erwartet. „Friede kommt durch Stärke? Dafür braucht er keinen Glauben“, sagte einer. Die Bereitschaft zur Gewalt sei ein heftiges theologisches Problem, bestätigte der Rabbiner. „Wie verstehen wir unser theologisches Konzept?“ Auch er habe schlaflose Nächte. Er komme hier nicht mit der Wahrheit, betonte er. Er komme mit Fragen: Was lernen Christen und Juden aus der Bibel, was lernen wir aus der Geschichte, was lernen wir heute von Europa? „Ich sehe es immer als Erfolg, wenn die Leute mit noch mehr Kopfschmerzen nach Hause gehen als vorher.“ Auch Pastor Breckling-Jensen wirkte nachdenklich. „Wir haben viel zum Nachdenken bekommen“, sagte er und dankte dem Rabbiner für den Vortrag. „Ich schätze, 120 Leute gehen heute mit Kopfschmerzen nach Hause.“ Wichtig sei, im Gespräch zu bleiben. Das mache diese Abende aus.

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