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Owschlag: Flüchtlinge bangen um Zukunft : Aufatmen nach schlaflosen Nächten

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Schreiben vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sorgt bei junger Familie für Aufregung. Amtsdirektor gibt vorerst Entwarnung.

shz.de von
erstellt am 17.Okt.2017 | 06:48 Uhr

Owschlag | Entsetzen, Verzweiflung, Angst und schlaflose Nächte: Ein einziger Brief hat die Welt von Shadi und Perwin Hussein bis in die Grundfesten erschüttert. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat die Hoffnungen der jungen syrischen Familie, in Owschlag endlich angekommen zu sein, auf einen Schlag zunichte gemacht. „Die Anträge werden als unzulässig abgelehnt“, steht in dem Schreiben. Und: „Die Antragsteller werden aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 30 Tagen nach Bekanntgabe dieser Entscheidung zu verlassen. Sollten die Antragsteller die Ausreisefrist nicht einhalten, werden sie nach Bulgarien abgeschoben.“

Doch nicht nur Shadi und Perwin Hussein hatten mit einem solchen Ausgang nicht gerechnet. In Owschlag ist das Paar seit seiner Ankunft vor drei Jahren dafür bekannt, sich besonders zu bemühen, hiesige Sprache und Kultur schnell zu erlernen. Egal, ob im Kulturcafé oder im Deutschunterricht: Shadi half schon nach kurzer Zeit als Übersetzer, wenn Landsleute Verständigungsschwierigkeiten hatten. Mit ihrer hilfsbereiten, freundlichen und höflichen Art wurde das junge Paar schnell sehr beliebt im Ort und schloss viele Freundschaften. Im Februar dieses Jahres wurde Sohn Kani geboren und mit Shadis Ausbildungsvertrag im Salon „Friseurteam Karen Kraft“ schien das Glück perfekt (wir berichteten). „Wir sind auf unserer Flucht von Syrien nach Deutschland geschlagen und ausgeraubt worden. Doch trotz der Trauer möchte ich jetzt nach vorne blicken“, berichtete der junge Kurde noch im August voller Hoffnung, dass einer Anerkennung nichts im Wege stünde.

Seine Chefin Karen Kraft versteht nach dem Bamf-Schreiben die Welt nicht mehr. „Das ist für mich unbegreiflich und ich finde es zutiefst unmenschlich. Shadi und Perwin sind ein Beispiel dafür, dass Integration funktionieren kann. Gerade hatten sie wieder Mut gefasst, angefangen, sich sicher zu fühlen. Dieses Schreiben hat nun alles zerstört“, so die Friseurmeisterin. Unverständlich sei ihr die Entscheidung auch in Hinblick auf den Fachkräftemangel. „Es ist aktuell sehr schwer, einen Friseur zu finden und Shadi ist mit so viel Elan dabei. Über so einen Mitarbeiter würde sich jeder Chef freuen.“

Auch Perwin, die genau wie Shadi bereits in ihrer Heimat im Friseurhandwerk tätig war, ist bereits ein Ausbildungsvertrag bei Karen Kraft sicher. Das ganze Mitarbeiterteam von Kraft ist nun in Aufruhr. Friseurin Alla Thurow erzählt: „Wir arbeiten so gern mit Shadi zusammen. Er verbreitet gute Laune, scherzt mit uns und den Kunden. Dadurch haben wir eine tolle Stimmung hier im Laden und die Kunden sind sehr zufrieden mit seiner Arbeit. Wir wollen ihn nicht verlieren.“ Auch Ausbildungsbegleiter Axel Diehl ist entsetzt: „Wollen unsere Herren Politiker keine steuerzahlenden Fachkräfte im Land? Diese Entscheidung ist menschlich und wirtschaftlich unakzeptabel.“

Doch es gibt Hoffnung, betont Walter Wiegand, Flüchtlingsbeauftragter des evangelisch-lutherischen Kirchenkreises: „Wenn der Flüchtling einen Ausbildungsvertrag hat, ist er für die Dauer der Ausbildung geschützt. Es besteht deshalb keine aktuelle Gefahr, dass die Familie das Land verlassen muss.“ Amtsdirektor Andreas Betz unterstützt das: „Shadi Hussein, seine Frau Perwin und das Kind brauchen keine Sorgen zu haben, dass sie abgewiesen werden.“ Wenn Shadi keine Rechtsmittel einlegt, so Betz, läuft die Duldung bis zu seinem Ausbildungsende 2020. Danach folgt eine halbjährige Duldung, in der Shadi Zeit hat, sich einen Job als Friseur zu suchen. Hat er in dieser Zeit Arbeit gefunden, muss er zwei Jahre arbeiten und hat dann gute Chancen, einen generellen Aufenthaltstitel zu bekommen. Wenn Rechtsmittel eingelegt werden, wird das Gericht entscheiden. Die Duldungsgenehmigung durch die Ausländerbehörde verlängert sich dann jeweils um drei bis sechs Monate mindestens bis zum Ende der Ausbildung. Nach insgesamt fünf Jahren gebe es dann wiederum eine gute Chance auf einen generellen Aufenthaltstitel. „Es ist also Entspannung für die junge Familie angesagt. Das ist uns im Rahmen der Integrationsarbeit sehr wichtig“, so der Amtsdirektor.

Shadi und Perwin Hussein haben einen Anwalt eingeschaltet und klagen gegen den Bescheid. Trotz der vielen Unterstützer und des juristischen Beistandes ist die Furcht, ihre neue Heimat verlassen zu müssen, groß.

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