Auf zu neuen Horizonten

Räder für beide Geschlechter.
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Räder für beide Geschlechter.

Die fast 200-jährige Geschichte des Fahrrades begann in Zeiten der Missernten – das Fahrrad als Pferdeersatz

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05. Januar 2015, 15:01 Uhr

In Kürze feiert das Fahrrad, das am meisten benutzte Verkehrsmittel der Welt, seinen 200. Geburtstag. 1817 baute der badische Forstmeister C. Drajs Freiherr von Sauerbronn eine zweirädrige Laufmaschine, die durch Abstoßen mit den Füßen fortbewegt wurde. Mit diesem Zweiradprinzip war die Grundlage von Fahrrad und Motorrad gefunden.

Anregung zu dieser Erfindung war wohl auch, dass in dieser Zeit dringend eine Alternative zum Pferd benötigt wurde. Nach vier schlechten Ernten fiel 1816 die Ernte ganz aus. Die Menschen hungerten. Die Pferde mussten wegen fehlendem Hafer notgeschlachtet werden. Das Laufrad von Herrn Drais war geeignet, Pferde zu ersetzen. Man konnte mit ihm angeblich eine Geschwindigkeit bis zu 22 km/h erreichen. Als nach guten Ernten die Pferde wiederkehrten, ließ das Interesse nach dem neuen Fahrzeug zunächst wieder nach. Erst das seit 1867 mit Pedalen versehene Velociped setzte sich dann richtig durch. Da es lange Zeit ein sehr teures Fortbewegungsmittel war, konnten es sich nur die Begüterten leisten, das städtische Bürgertum. Vom Adel wurde auf diese Tretmühle nur mit Verachtung herabgesehen. Es ist faszinierend, die Geschichte des Fahrrads zu verfolgen in der Ausstellung „Das Fahrrad - Kultur, Technik, Mobilität“ im Museum der Arbeit in Hamburg, die noch bis zum 1. März 2015 zu sehen ist. Ein Rundgang durch die Ausstellung zeigt nicht nur, dass das Fahrrad eine bewegte und spannende Geschichte hinter sich hat, sondern auch seine heutige Bedeutung als Mittel der Fortbewegung, kostengünstig, gesundheitsfördernd, umweltfreundlich und als Hoffnungsträger für Verkehrs- und Stadtplaner. Die technische Entwicklung des Fahrrads wird an Hand von über 100 Fahrrad–Ikonen aus den vergangenen 200 Jahren gezeigt. Fahrrad und Mode, Fahrrad und Sport, das Fahrrad als Lastenträger, in der Werbung, in der Gesellschaft, es gibt unzählige Themen, die in diesem Zusammenhang behandelt werden. Zum Massentransportmittel entwickelte sich das Fahrrad erst nach 1885, nach der Erfindung des Niederrads mit Kettenantrieb. Durch die sich ab Ende des 19. Jahrhunderts entwickelnde industrielle Produktion konnte es so preisgünstig hergestellt werden, dass es auch für Arbeiter und Angestellte erschwinglich war.

Ab den l890-er Jahren begannen auch die Damen, sich mit dem Fahrrad anzufreunden. Da störte zunächst noch das Korsett und und die langen Kleider und Röcke. Die Frauen konnten das Fahrrad jedoch autonom beherrschen, und es schenkte ihnen dadurch neuen Freiraum. Insofern hat es auch einen positiven Einfluss auf die Emanzipation der Frauen gehabt. Man erfährt, dass bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das Fahrrad auch ein Instrument im politischen Kampf der Arbeiterbewegung war und Sprachrohr ihrer politischen Ziele. Die in den 1890er Jahren gegründeten Radfahrerbünde setzten sich trotz starker staatlicher Repressionen für die Sozialdemokraten ein, die bis 1890 durch die Sozialistengesetze ganz verboten gewesen waren.

Man wird erinnert an die eigenen Erfahrungen mit dem Fahrrad als unentbehrlichem Transportmittel insbesondere in der Kriegszeit und den ersten Nachkriegsjahren. Man fuhr, wegen fehlender Alternativen, bei jedem Wetter, bei Eis und Schnee. Die Straßen waren damals nur von wenigen Autos bevölkert und so hatte man als Radfahrer viel Platz. Wenn es bergauf ging, hing man sich an den Anhänger eines Traktors oder an die langsam fahrenden Lkw mit Holzgasantrieb.

So kann mancher seine eigene Fahrradgeschichte schreiben.

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