familiengeschichte : Auf Spurensuche in polnischen Rittergütern

Reise in die Vergangenheit: Martina Bötticher (links) und Gertrud Conrad haben ihre Familiengeschichte in Büchern festgehalten.
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Reise in die Vergangenheit: Martina Bötticher (links) und Gertrud Conrad haben ihre Familiengeschichte in Büchern festgehalten.

Martina Boetticher (61) und Gertrud Conrad (81) reisen nach Schlesien, um dort die Geschichte ihrer Familien zu recherchieren. Ihre Ergebnisse haben sie in Büchern festgehalten

shz.de von
12. November 2013, 18:51 Uhr

„Da ist es!“, ruft Gertrud Conrad, „Gleich da vorne!“ Ihre Beifahrerin Martina Boetticher tritt auf die Bremse. Pielaskowice steht auf dem Schild, der polnische Name für das Örtchen Pläswitz in Niederschlesien. Mit ihrem Kombi biegen die beiden Frauen auf das Gelände eines alten Gutshofs ein. Martina Boetticher kann es nicht fassen. Hier, in dem rosaroten Sandsteinschloss direkt neben der Autobahn, haben einst ihre Vorfahren gelebt. Ihr Großvater, der Spring- und Turnierreiter Baron Erich Freiherr von Buddenbrock, hatte hier seine Pferdezucht, bis er 1945 vor den russischen Truppen nach Westfalen floh.

Der Anblick der alten Ruinen ist für Martina Boetticher das fehlende Puzzleteil vom Bild ihres Großvaters. „Endlich hatte ich nicht nur Texte und alte Fotos, sondern auch richtige Bilder im Kopf“, sagt sie. Die 61-Jährige war zum ersten Mal in Polen, um zusammen mit Gertrud Conrad nach ihrer Familiengeschichte zu forschen. Denn die beiden Freundinnen verbindet nicht nur die gemeinsame Arbeit in einer Schreibgruppe. „Durch Zufall haben wir festgestellt, dass unsere Familien beide aus Schlesien kommen“, erzählt Gertrud Conrad.

Im Gegensatz zu Martina Boetticher war die Eckernförderin vor zehn Jahren schon einmal in Schlesien, um die Spuren ihrer Familie zu verfolgen. Was sie damals nicht wusste: Das Gut Jerschendorf, auf dem die Schwester ihres Schwiegervaters lebte, liegt direkt neben dem Rittergut des Barons von Buddenbrock. „Die müssen sich gekannt haben“, ist sich die 81-Jährige sicher.

Überrascht sind Martina Boetticher und Gertrud Conrad auch von der Gastfreundschaft der Polen. Überall werden sie hereingebeten, zum Essen eingeladen, wie Freunde behandelt. „Wir sind überall ungeheuer freundlich aufgenommen worden, die Leute waren sehr interessiert“, sagt Martina Boetticher. Auch ohne ein Wort Polnisch. Sogar der Bürgermeister lädt die beiden zu sich ein, als er von dem Besuch der deutschen Frauen in Pläswitz erfährt. Die Geschichte des Landkreises sei für ihn das Salz in der Suppe, erzählt er. Von ihm erfahren die Frauen, dass Napoleon 1813 einen Waffenstillstand in dem Schloss der Buddenbrocks unterzeichnet, nachdem er gegen die Russen verlor.

Acht Tage verbringen Gertrud Conrad und Martina Boetticher in Schlesien, fahren etliche Güter und Dörfer ab, blättern in alten Geschichtssammlungen und sprechen mit den Menschen vor Ort.

Ihre Erlebnisse haben die beiden Autorinnen auch in ihren Büchern verarbeitet. Die Aufzeichnungen ihres Großvaters, Baron von Buddenbrock, hat Martina Boetticher in dem Buch „Immer ganz vorn – Erinnerungen 1873-1925“ herausgebracht. In ihrem neuesten Werk, „Charlotte und ihre Schwestern“, das voraussichtlich im Dezember 2013 erscheint, erzählt sie die Geschichte der Familie aus ihrer Sicht. Auch Gertrud Conrad hat ihre Vergangenheit niedergeschrieben in der privaten Familienchronik „Die Conrads“. Das Buch ist eine Überarbeitung des Werkes „Die Rudolphs“, das sie schon 2003 nach ihrer ersten Polenreise geschrieben hatte, damals noch unter falschem Titel.

Das Kapitel Familiengeschichte ist damit noch nicht abgeschlossen. Zwar konnten viele offene Fragen auf der Reise in die Vergangenheit beantwortet werden, doch genauso viele neue seien wieder dazugekommen. „Der detektivische Spürsinn ist jetzt erwacht“, sagt Martina Boetticher.

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